Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 358 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Perles Kch viel Einzelmitteil ungen an den verschiedensten Stellen verstreut hinterlassen. Der als Sprach- und Sachkenner gleich ausgezeichnete Immanuel Low hat in einem der Vollendung entgegengehenden dreibändigen Werke „Die Flora der Juden" den Stoff mit vorbildlicher Gründlichkeit dargestellt und in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung gewürdigt Über die Bedeutung der jüdischen Religionsphilosophie als einer der Quellen der Scholastik ist schon oben gesprochen worden Aber auch darüber hinaus haben die Juden nicht unerheblichen Anteil an der Philosophie des Mittelalters. Die Werke des Aristoteles sind erst durch Vermittlung der Juden ins Abendland gelangt Nachdem dieselben schon seit dem 9. Jahrhundert (aus der syrischen Übersetzung des Originals) ins Arabische übertragen und von den mohammedanischen Theologen eifrig studiert und kommentiert worden waren, übersetzten die Juden dieselben weiter ins Hebräische, und erst aus dieser Sprache wurden sie ins Lateinische übersetzt und haben in dieser Gestalt entscheidend auf das christliche Denken eingewirkt Bei den Juden hatten sie schon vorher nicht weniger tiefen Einfluß auf die geistige Durchdringung des überlieferten Inhalts der Religion geübt Aristoteles wurde bei ihnen fast wie ein Weiser des eigenen Volkes verehrt und als Inbegriff des wissenschaftlichen Denkens angesehen. So wird sein Name in der abgekürzten Form Toteies noch heute in Osteuropa von mancher ungebildeten Mutter, die keine Ahnung von der Existenz des Stagiriten hat, zur Kennzeichnung der Begabung ihres Kindes gebraucht Das mittelalterliche Judentum hat aber auch den ersten Philosophen aufzuweisen, der den Mut und die Fähigkeit hatte, gegen die geheiligte Autorität des Aristoteles sich aufzulehnen; es ist ChasdaiCrescas (i34o—i4io), der, wie erst im letzten Jahrhundert durch M. Joel festgestellt wurde, auch Spinoza wichtige Bausteine für sein System geliefert hat, eine neue Bestätigung für Goethes Urteil, daß Spinoza „durch mathematische und rabbinische1) Kultur sich zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben habe". Gleich der spekulativen Philosophie ist auch die ihr entgegengesetzte und mit ihr um die Volksseele ringende Mystik der Kabbala eng verknüpft mit geistigen Strömungen in der nichtjüdischen Welt So wie ihr Ursprung im Neuplatonismus liegt, der dann die verschiedenartigsten Elemente des mittelalterlichen Denkens angezogen und wiederum doch durch die äußere Anlehnung x) Vom Verfasser gesperrt. 358