Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 357 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum dem jüdischen Schrifttum reichen Ertragziehen können, so vor allem die Archäologie. Speziell die halachischen Partien des Talmuds mit ihren alle Gebiete des Lebens umfassenden Gesetzen und Diskussionen sind, wie Paul de Lagarde mit Recht bemerkt, „ein wahres Pompeji der Altertumskunde".1) Auch für die Volkskunde all der religiösen und nationalen Gruppen, unter welchen die Juden längere oder kürzere Zeit lebten, ist dort noch mancher überraschende Aufschluß zu erwarten. Denn trotz aller gegenseitig aufgerichteten; Mauern sind nicht nur Sitten und Gebräuche, sondern auch Anschauungen, Sprüche, Sagen, Legenden, Märchen und Lieder von den umgebenden Völkern zu den Juden und umgekehrt gewandert So sind manche Erzählungen aus iooi Nacht und aus den Gesta Romanorum teils jüdischen Ursprungs, teils wenigstens auf dem Umwege über das jüdische Schrifttum dorthin gedrungen. 2) Haben doch z. B. auch bei der Wanderung von Kalilah und D im nah nach dem Abendland hebräische Bearbeitungen eine Rolle gespielt3) Wahre Schätze für volkskundliche Studien sind noch heute bei den Ostjuden: zu holen, die in ihrer kulturellen Abgeschlossenheit viele jüdische Werte bis heute allein bewahrt haben. Auch die Geographie des ausgehenden Altertums und des ganzen Mittelalters wird in den jüdischen Quellen viel wertvolle Nachrichten finden. Es existiert eine nicht unerhebliche geographische Literatur, die schon vor mehr als 80 Jahren Z unz bearbeitet hat Am wichtigsten wohl ist Benjamin aus Tudela, dessen Reisebericht (1160/1173) auch Karl Ritter öfters benützt hat Daneben sind in den jüdischen Schriften viele geographische Namen in getreuer Transkription erhalten und geben dadurch oft wichtige Aufschlüsse für die Ortskunde. Die französischen Ortsnamen sind von H. Groß in seiner „Gallia Judaica" behandelt, die deutschen haben A.Freimann und M. Brann in der „Germania Judaica" zu bearbeiten begonnen, für die spanischen und italienischen fehlt leider noch eine Bearbeitung. Auch mit den beschreibenden Naturwissenschaften, namentlich mit der Botanik und speziell mit der Pharmakologie, haben sich die Juden wiederholt in selbständigen Werken beschäftigt, die zum Teil heute noch sicher mehr als bloß historisches Interesse besitzen. Daneben haben sie auch unend- *) Erstmalige Bearbeitung des gesamten Materials bei S. Krauß, Talmudische Archäologie. 3 Bände. Leipzig 1910/12. 2) -Vgl. Joseph Perles, Zur rabbinischen Sprach- und Sagenkunde. Breslau 1873. S. 45ff. (S.A. aus MGWJ. i873, i4ff.) s) Siehe Steinschneider, Die hebr. Übersetzungen des Mittelalters. 872 ff. 357