Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 355 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum übliche Aussprache von <*v und als av and ev durch die Transkription schon für das Altertum belegt Je weiter sich die Diaspora zeitlich und räumlich für die Juden erstreckte, desto weiter dehnte sich auch der Kreis der von ihnen gesprochenen, manchmal auch beeinflußten Sprachen aus, und desto ergiebiger wird ihr Schrifttum als Fundgrube für sprachgeschichtliche Forschungen. Bei ihren fortgesetzten meist unfreiwilligen Wanderungen in fast alle bekannten Länder von Vorderasieni, Nordafrika, Süd- und Mitteleuropa erlernten sie überall die Landessprache und bedienten sich ihrer im Verkehr miteinander und mit der Außenwelt Sprache der Literatur und Wissenschaft blieb aber das Hebräische, in welches sie häufig erklärende Glossen in der jeweiligen Landessprache einstreuten. So besitzen wir aus dem Mittelalter zahlreiche griechische, romanische (altfranzösische, provencalische, spanische, italienische), mittelhochdeutsche und slavische Glossen in hebräischen Werken, die nicht nur lexikalisch wichtig, sondern auch infolge der hebräischen Transkription für die Lautgeschichte und Aussprache lehrreich sind. Über die Geschichte der jüdisch-deutschen Glossenliteratur kann man sich jetzt bequem und zuverlässig bei Stärk und Leitzmann1) orientieren, während die jüdisch-romanischen Mundarten durch Blondheim2) soeben zum Gegenstande tief emdringender und aufschlußreicher Studien gemacht wurden. Neben bloßen Glossen finden sich aber auch zusammenhängende Texte und oft größere Werke in den betreffenden Sprachen. Diese Werke dienten zunächst der religiösen Belehrung der Massen, die nicht genug Bildung oder Sprachkenntnis für die Lektüre des hebräischen Schrifttums besaßen. Es sind Glossare, Übersetzungen, prosaische und poetische Bearbeitungen des Inhalts der Heiligen Schrift und der späteren religiösen Literatur, manchmal aber auch selbst weltliche Unterhaltungsschriften. Die Einhüllung in das Gewand der hebräischen Transkription und die häufige Einstreuung hebräischer Wörter hat diesen Sprachen eine jüdische Färbung gegeben, damit aber auch dieselben der Kenntnis der nicht jüdischen Welt so gut wie ganz entzogen. Als ein Beispiel für viele stehe die altfranzösische Elegie auf den Märtyrertod von i3 Juden, die am 24. April i288 in Troyes von der Inquisition verbrannt wurden. Dieses in hebräischer Transkription erhaltene Gedicht ist ein ebenso ehrwürdiges Denkmal für die Glaubenstreue der beteiligten Juden wie für den 1) " Die jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen von den Anfängen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 1923, S- 1 ff. 2) Les parlers judeo-romans et la Vetus Latina. Paris 1925. 24* 355