Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 352 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Perles tischen Evangelien sind sicher (das Johannes-Evangelium nach neueren Annahmen vielleicht auch) Übersetzungen bzw. Bearbeitungen von Originalen aus der aramäischen Volkssprache, und manche dunkle Stelle konnte schon durch Zurückgehen auf das Original zwanglos erklärt werden.1) Doch ganz abgesehen vom Sprachgewande sind auch vielfach die religiösen Begriffe und Gedanken des Evangeliums erst aus dem damaligen Judentum verständlich. Die Sprüche, die Gleichnisse und verschiedene andere literarische Formen, so namentlich die unter dem Namen Midrasch bekannte eigenartige Schriftdeutung des Evangeliums haben im jüdischen Schrifttum teils ihre Quelle, teils ihre Parallele oder ihren Anknüpfungspunkt Das trifft auch auf die Schriftdeutung des Paulus zu, der das Judentum mit einer Methode bekämpft, die er ihm selbst entlehnt hatte. Der Einfluß machte sich auch nach der Loslösung des Christentums vom Judentum noch weiter geltend. Die Kirchenväter, vor allem Hieronymus, bewegen sich noch häufig nicht nur formell auf den Bahnen jüdischer Exegese, sondern folgen ihnen auch inhaltlich, soweit nicht die Differenzen der religiösen Lehre davon berührt werden, und schöpfen namentlich aus der Hag gada, mit welchem unübersetzbaren Ausdruck (im Gegensatz zur Halacha, dem Religionsgesetz) das gesamte nichtgesetzliche religiöse Geistesgut bezeichnet wurde.2) Auch der Gottesdienst der ältesten Kirche zeigt sowohl in seiner Organisation wie in einzelnen Teilen der Liturgie den engen Zusammenhang mit dem jüdischen Vorbild. Selbst im Mittelalter, als die Juden in allen christlichen Ländern ins Ghetto gestoßen wurden, strömte noch immer jüdischer Geist in die Kirche ein. Man sprach damals einerseits den Juden jede Kultur ab und verbrannte doch in merkwürdigem Selbstwiderspruch aus Angst vor ihrer Kultur die Schriften dieser Juden. Im i3. Jahrhundert erlangten zwei jüdische Denker ungewöhnlichen Einfluß in den Kreisen der Scholastiker. Der eine, lange für einen Christen gehaltene Avicebron, ist der Verfasser des fons vitae, der im Streit zwischen den Franziskanern und Dominikanern eine so große Rolle spielte und in dem erst vor 80 Jahren S. Münk die Übersetzung des hebräischen mekör hajjim von Salomo ibn Gabirol erkannte; der *) Vgl. z. B. Zeitschrift für Neutestamentliche Wissenschaft. XIX (1919/20) 96 zu Mt 8*2 (= Lc 9g,,), Lc 14,5; XXV (1926) i63/64 zu Mt 7s. 2) Vgl. L. Ginzberg, Die Haggada und die Kirchenväter. I. Amsterdam 1898. II. Berlin 1900. 352