Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 350 (sequence 3)
- Language
- German
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Felix Perles starkende Kirche das Heil auf ihre Mitglieder beschränkte. Und diese weitherzige Anschauung blieb nicht etwa nur abstrakte Theorie, sondern wurde gesetzlich festgelegt in dem ebenso alten Begriffe des „Noachiden", d.h. des Nichtjuden, der die als Inbegriff des Naturrechts geltenden Gebote und Verbote beobachtet Doch neben der rein innerjüdischen religiösen Entwicklung fordert ein über den engen Kreis der eigenen Glaubensgemeinschaft hinausreichendes Kulturstreben zu tieferem Eindringen in den Gegenstand heraus. Dieses Kulturstreben zeigt vielfach eine größere Selbständigkeit als im mittelalterlichen Christentum, da schon dogmatisch dem Denken nicht so enge Grenzen gezogen waren wie in der Kirche, dann aber auch keine Behörde existierte, die mit solchem! Nachdruck gegen neue Gedanken sich wenden konnte. Vor allem ist hier die Religionsphilosophie zu nennen, die seit dem 10. Jahrhundert im Orient und dann namentlich in Spanien eine stattliche Reihe von Vertretern aufzuweisen hat Dieselben beschränkten sich nicht etwa nur auf die Auseinandersetzung mit der griechisch-arabischen Philosophie, sondern zeigten oft auch eine überraschende Freiheit des Geistes, so daß man ihnen mit Recht nachrühmen konnte, sie hätten „aus Religions-Philosophen sich zu Philosophen entwickelt". Als natürliche Reaktion gegen die Vorherrschaft des nüchternen Denkens erstand dann in der Gestalt der Kabbala eine Mystik, die zwar die Bedürfnisse des Gemüts befriedigte und auch einer Erstarrung der Religion in Formendienst entgegenwirkte, aber im Ganzen doch das geistige Leben mehr hemmte als förderte. Parallel mit der gedankenmäßigen und gefühlsmäßigen Durchdringung des Inhalts der Religion ging zuerst in den Ländern des Islam, — später auch in Frankreich und Italien, eine eindringende Beschäftigung mit der Heiligen Schrift, die Jahrhunderte hindurch zugunsten des Talmuds vernachlässigt worden war. Diese Beschäftigung führte bald zu einer streng wissenschaftlichen Exegese, die sich immer mehr unabhängig von der Tradition machte und alle philologischen Hilfsmittel in ihren Dienst stellte. Der Wortschatz und die Grammatik des Hebräischen wurden systematisch dargestellt und die Anfänge einer Sprachvergleichung geschaffen, die sich auf drei Zweige des semitischen Sprachstammes, das Hebräische, Aramäische und Arabische, erstreckte. Diese Blüte des hebräischen Sprachstudiums führte auch eine Neubelebung der hebräischen Dichtung herbei, namentlich auf dem Gebiete der religiösen und weltlichen Lyrik. So sind Salomo ihn Gabirol (1020—1070) 350