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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 349

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Die Erforschung des nachbiblischen Judentums im Rahmen der Universitas Litterarum
Date
1926-10-01
Page
349 (sequence 2)
Language
German
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Felix Perles: Die Erforschung des nachbiblischen Judentums Zur Entschuldigung dieser Vernachlässigung -wird bisweilen angeführt, daß eben nur das Alte Testament klassisches Schrifttum sei, dagegen alles spätere Geistesgut des Judentums im Vergleich dazu nur epigonenhaften Charakter trage und daher höchstens eine wirksame Folie bilde, von der die große Vergangenheit des jüdischen Volkes sich desto glänzender abhebe. Eine solche Meinung hat aber in den geschichtlichen Tatsachen keine Stütze und hält sich nur deswegen so zähe, weil hier alte, tiefeingewurzelte Vorurteile sich mit modernen Masseninstinkten vereinigen, um den Blick zu trüben. Sowohl die religiöse Entwicklung des Judentums in den letzten 1900 Jahren als auch seine Anteilnahme an der Schaffung sonstiger Kulturwerte bietet ein ebenso unübersehbares wie lohnendes Forschungsfeld, auf dem die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen eine Fülle von neuem Material und fruchtbarer Anregung finden. Schon allein dasjenige, worin das Judentum seine eigentliche Aufgabe in der Weltgeschichte allezeit erblickte und wofür es ein nach Zeitdauer und Größe beispielloses Martyrium auf sich genommen hat, die Erhaltung des reinen Monotheismus inmitten einer feindlichen oder verständnislosen Welt, ist eine der merkwürdigsten geschichtlichen Erscheinungen und stellt dem Religionshistoriker verlockende Aufgaben. Man denke nur an die mannigfachen Typen jüdischer Frömmigkeit, die trotz oder vielleicht gar infolge des Fehlens jeder Zwangsorganisation und jedes staatlichen - Rückhalts sich entfalteten, und an ihr Spiegelbild in dem Reichtum und der Vielseitigkeit der jüdischen Liturgie1); man denke weiter an die im Talmud und Midrasch als Resultat jahrhundertelanger Arbeit niedergelegte Aufzeichnung der gesamten religiösen Überlieferung und an das den Geist des Volkes bereichernde und schärfende Studium dieses Schrifttums während des ganzen Mittelalters und teilweise bis in unsere Zeit hinein und endlich an die überraschenden in bemerkenswertem Gegensatz zu der von außen erlittenen Unduldsamkeit stehenden schon recht erheblichen Ansätze zu religiöser Toleranz. So erhält, um beim letztangeführten Punkt zu verweilen, der im 2. Jahrhundert n. Chr. aufgestellte und in den Talmud aufgenommene Grundsatz: „Die Frommen der (nichtjüdischen) Völker der Welt haben einen Anteil am ewigen Leben" doppelte Bedeutung gegenüber der Exklusivität, mit der die damals schon er- 1) Vgl. J. Elbogen, Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1924. 349

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