Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 346 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Fromer so halten wir es für geboten, unsere Bedenken aufzuschreiben und Ihnen zu berichten, damit wir, wenn möglich, Aufklärung erlangen und imstande seien, unter Ihrer Führung die Wahrheit gegen den Aberglauben der orthodoxen Christen zu verteidigen, ja der ganzen Welt Trotz zu bieten." Spinoza beantwortete zwar die an ihn gerichteten Fragen ausführlich. Die Korrespondenz ist jedoch, so weit aus dem Briefwechsel zu ersehen ist, nicht fortgesetzt worden. „Seine Freunde", sagt Bayle, „behaupten, er habe aus Bescheidenheit nicht gewünscht, seinen Namen einer Sekte zu geben." In der Tat graute es ihm vor dem Gedanken, von einer Jüngerschar umringt zu sein, die mit verzückten Gesichtern seinen Heden lauschten und bei jedem Wort, das ihnen entging, ihre Nachbarn flüsternd fragten: „Was hat er gesagt?" Dieses Bild eines von eitler Überhebung geblähten Bonzen hat wohl Goethe vorgeschwebt, als er von dem Schwärmer sagte, daß er, wenn er das 3o. Lebensjahr überschritten habe, gekreuzigt werden müsse. Spinoza war übrigens die Scheu vor dem personlichen Hervortreten von Hause aus nicht fremd. 36 Heilige leben, einer jüdischen Sage zufolge, in jeder Generation. Ihretwegen erhält Gott die Welt Aber niemand kennt sie. Sobald sie entdeckt worden sind, müssen sie sterben. Damit sie nicht allzu ernst genommen werden, pflegten manche Häupter der Chassidim, die Wunderrabbis, während sie inmitten ihrer Gemeinde in tiefster Andacht versunken waren, einen trivialen Gassenhauer anzustimmen oder zotige Witze zu machen. Bis auf einige biblische Bücher werden fast alle Werke der hebräischen Literatur nicht nach den Verfassern, sondern nach den Titeln genannt Wenn der Name des Verfassers durchaus hervorgehoben werden muß, so geschieht es in einer Kürzung, z. B. „Rambam" für Rabbi Mosche ben Maimon, Moses Maimonides. Besonders scharf spricht sich der Talmud gegen jene aus, die aus der Weisheit und der Tugend eine melkende Kuh machen. Man wird es nun verstehen, warum Spinoza die ihm von der Heidelberger Universität angebotene Professur nicht annehmen wollte. Auch der Verachtung des Überflusses, mit der er seine Laufbahn begonnen hat, ist er bis zu seinem Lebensende treu geblieben. Es ist nicht wahr, daß er sich von Glasschleifen ernährt hat Wenn er von dieser Beschäftigung hätte leben wollen, hätte er ihr den größten Teil seiner Arbeitskraft widmen müssen. In Wirklichkeit hat er von Stipendien gelebt, die ihm von seinen Freunden gewährt wurden, und die Glasschleiferei nur nebenbei betrieben. Bei 346