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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 347

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Spinozas Persönlichkeit
Date
1926-10-01
Page
347 (sequence 9)
Language
German
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Spinozas Persönlichkeit dem Gebrauch aber, den er von der Freigebigkeit seiner Gönner machte, hat er sich auf das Notwendigste beschränkt Einer seiner reichsten Freunde, Simon de Vries, hatte ihn zum Universalerben einsetzen wollen. Spinoza wies dieses Anerbieten ab. Der Freund hinterließ nun sein ganzes Vermögen dem natürlichen Erben unter der Bedingung, daß dieser unserm Philosophen eine lebenslängliche Rente von 5oo Gulden gebe. Spinoza fand auch diese Rente zu hoch und ließ sie auf 3oo Gulden herabsetzen. Ähnlich benahm er sich seinen Verwandten gegenüber. Nach seiner Entfernung aus dem Ghetto hatten sie ihm die Herausgabe des väterlichen Erbes verweigert Er wandte sich ans Gericht Als er den Prozeß gewonnen hatte, überließ er seinen Erbteil den Verwandten und nahm nichts weiter als ein Bett Wie ängstlich Spinoza alles Persönliche dem fremden Blicke zu entziehen suchte, ist bereits erwähnt worden. Nirgends in seinen Schriften, bis auf die angeführte Stelle im Traktat zur Läuterung des Verstandes, spricht er über seine Herzensangelegenheiten. Selbst in seinen Briefen ist nichts davon zu finden. Nur einmal spricht er nebenbei von seiner schwankenden Gesundheit Niemand von seinen Freunden ahnte, daß er vom Tode gezeichnet war. Selbst die Wirtsleute, bei denen er die letzten sechs Jahre seines Lebens verbrachte, wußten nichts von seiner durch die übermäßige Arbeit, besonders die Nachtwachen stark fortschreitenden Schwindsucht „Sonnabend", erzählt Colerus, „den 22. Februar (1677) ging sein Hauswirt mit seiner Frau in die Büß- und Vorbereitungspredigt Als der Hausherr gegen 4 Uhr aus der Kirche kam, kam auch Spinoza von seiner Stube herunter, rauchte eine Pfeife Tabak und sprach eine geraume Zeit mit ihm, auch von der Predigt, die des Nachmittags gehalten worden war. Darauf ging er in dem Vorderzimmer, das er benutzte, und worin er schlief, früh zu Bett Des Sonntags morgens kam er vor der Kirchenzeit wieder herunter und sprach mit dem Hausherrn und seiner Frau. Er hatte einen gewissen Arzt L. M. aus Amsterdam zu sich gebeten, der die Hausleute beauftragte, einen alten Hahn zu kaufen und ihn noch am selben Morgen zu kochen, damit Spinoza mittags die Brühe davon genießen könne, was dann auch geschah. Und als der Hausherr mit seiner Frau nach Hause kam, aß er noch mit Appetit davon. Des Nachmittags gingen die Hausgenossen gemeinsam in die Kirche, während der vorgenannte Dr. L. M. allein bei ihm blieb. Als sie aber aus der Kirche kamen, hörten sie, daß Spinoza um 3 Uhr in Gegenwart des Arztes verschieden war. 347

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