Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 345 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Spinozas Persönlichkeit immer von neuem auf seine Lehre ein, und immer -wieder hat er ihre Angriffe abzuschlagen vermocht Nur einem gelang es, eine wunde Stelle an ihr zu erspähen. Es war dies der junge Tschirnhaus, ein Deutscher von Geburt Spinoza hatte gelehrt, daß. einzig die Einheit wirklich existiere. Dieser fragte ihn nun, wie es denn komme, daß wir auch die Mannigfaltigkeit als vorhanden wähnen. Das Problem war nicht neu. Schon die Eleaten hatten von dem Sein und dem Werden dasselbe behauptet wie Spinoza. Auch sie stießen auf denselben Einwand wie er. Aber ihnen kam es nicht so sehr auf die Wahrheit als auf ihre vorgefaßte Meinung an. Bei ihrer sophistischen Gewandtheit fiel es ihnen nicht schwer, alle Einwände niederzuschlagen. Spinoza aber war ehrlich genug, die Berechtigung dieses Einwandes zuzugeben. Er werde, antwortete er, darüber noch nachdenken und das Ergebnis zu Papier bringen. Dazu aber ist er nicht mehr gekommen. Kurz nach diesem Schreiben wurde er vom Tode ereilt Dieser Angriff war übrigens nicht der einzige, dem Spinoza waffenlos gegenüberstand. Mit derselben Berechtigung konnte gegen seine Behauptung, daß der Wille unfrei sei, die Frage aufgeworfen werden, wie es denn komme, daß wir frei zu handeln glauben. Trotz dieser und anderer Einwände aber, denen er nichts zu entgegnen vermochte, blieb er docjh in der Überzeugung von der Wahrheit seiner Lehre fest „Ich erhebe nicht den Anspruch", schreibt er, „die beste Philosophie gefunden zu haben, sondern ich weiß, daß ich die wahre, erkenne." Ein anderes Mal ruft er stolz aus: „Meine Anschauung ist für die, welche durch kein Vorurteil, keinen kindlichen Aberglauben voreingenommen sind, das einzige Mittel, die höchste Stufe der Glückseligkeit zu erreichen." Ein anderer Punkt, bei dem er fest verharrte, ist seine selbstlose Lebensart Bis zu seinem Tode wurde er von dem Versucher angefochten. Wie bei seiner Flucht aus dem Ghetto hat er auch später stets den Kampf bestanden. Einige Jahre, nachdem er Amsterdam verlassen hatte, taten sich in dieser Stadt seine Freunde zusammen, um den ersten Entwurf der Ethik, von der er ihnen eine Abschrift zugeschickt hatte, zu studieren. Einer von ihnen, Simon de Vries, schreibt ihm im Jahre i663 darüber: „Was unser Kollegium betrifft, so ist es in folgender Weise eingerichtet Immer liest einer, der gerade an der Reihe ist, den Text durch, erklärt ihn seiner Auffassung gemäß und beweist alles nach der Reihe und Ordnung Ihrer Lehrsätze. Trifft es sich nun, daß die Erklärung uns nicht befriedigt, 345