Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 344 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Fromer auf Werk geschrieben. Davon hat er nur zwei veröffentlicht, das eine davon mußte ihm sogar gewaltsam abgepreßt werden. Einige hat er unveröffentlicht liegen lassen. Die meisten hat er vernichtet In seinem Sterbejahre, berichtet Kortholt, hat er ein Buch nicht der Öffentlichkeit, sondern den Flammen übergeben, an demselben Tage, an dem fast alle Straßenzüge im Haag von festlichen Feuern erstrahlen; dabei scherzte er, daß er um sich her jene Freudenfeuer nachahme und bei sich zu Hause Jubel und Feuerflammen aufsteigen lasse, indem er hinzufügte: „Ein langes und eifriges Studium habe ich an die Ausarbeitung und Niederschrift dessen gewandt, was jetzt gewiß nie ein Mensch lesen wird." Beachtenswert ist die Bemerkung, die der fromme Biograph an diese Erzählung knüpft: „Hätte er nur auch seine übrigen Arbeiten, die das Licht der klarsten Wahrheit mit Finsternis zu überziehen bestimmt waren, diese Produkte einer ausschweifenden Phantasie und abscheuliche Gespenster des hörnernen Tores, um sie in den Orkus zu verbannen, woher sie gekommen, in gleicher Weise durch die rächenden Flammen vertilgt, damit sie nicht einmal zum Auslöschen der Flammen ihren Leser je verführen könnten." Man hat vermutet, daß mit der den Flammen übergebenen Schrift die Abhandlung über den Regenbogen gemeint ist, die sich im Nachlaß Spinozas nicht gefunden hat Das Original ist jedoch kürzlich aufgefunden worden. Das Wahrscheinlichste ist, daß er damals in der Vorahnung des Todes seine Manuskripte gesichtet und alles, was ihm für die Veröffentlichung ungeeignet erschien, den Flammen übergeben hat Der Grund für dieses Verhalten seinen Schriften gegenüber lag in den allzu hohen Forderungen, die er an sie stellte, und die sie nie zu erfüllen vermochten. Es war ihm auch gar nicht möglich, sie um ihrer selbst willen zu lieben. Sie fesselten ihn so lange, als sie entwicklungsfähig waren. Sonst ging er über sie hinweg. In diesem Sinne scheint ihn übrigens Goethe in der Gestalt des Mephisto dem Faust zum Lehrer beigesellt zu haben. Rastlos mußte Faust zum höchsten Ideal hinaufsteigen. Wenn er je zum Augenblick sagen sollte: „verweile doch, du bist so schön", verfiel er dem Verderben. Als seine Geliebte dem Gesetz der Schwere verfiel, ließ er sie zurück und stieg zur unvergänglichen Schönheit Helenas hinauf. Dennoch gab es Dinge, denen Spinoza unwandelbare Treue hielt Wer seinen Briefwechsel bedachtsam liest, ist erschüttert von der Seelenstärke, die Spinoza darin bekundet Mit ungestümer Kraft stürmen die Gegner 344