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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 343

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Spinozas Persönlichkeit
Date
1926-10-01
Page
343 (sequence 5)
Language
German
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Spinozas Persönlichkeit Nicht jeden Tag geschieht das Wunder, daß ein Goethe einen Schüler findeL Ein Mann wie Spinoza, der ganz seinem Gott ergeben war, konnte seine Seele nur solchen Menschen öffnen, die ihm auf dem Wege zu seinem Gotte zu folgen vermochten. Die Menschen aber, die sich ihm angeschlossen haben, ragten wohl zum Teil über das Durchschnittsmaß hinaus. Als Weggenossen waren sie jedoch für Spinoza ungeeignet So ist die etwas komisch anmutende Erscheinung zu erklären, daß Spinoza sich immer weiter von Amsterdam entfernte, um, wie Lucas berichtet, größere Ruhe zu finden, aber doch überall von Besuchern überlaufen wurde. Dabei darf man sich nicht etwa Spinoza als einen Menschenhasser denken. „Lieber eine schlechte, als gar keine Gesellschaft!" sagt er. Mit herbem Tadel spricht er sich über die Einsiedler aus, die aus Entrüstung über die menschlichen Schwächen lieber unter wilden Tieren als unter Menschen wohnen. Aus diesen und anderen Äußerungen sieht man, wie schwer er unter der Einsamkeit gelitten hat Die ungeheure Mühe, die ihm die geistige Arbeit, wie wir aus seinem jahrzehntelangen Feilen an der Ethik ersehen, verursacht hat, wären ihm vielleicht bis zu einem gewissen Grade erspart geblieben, wenn er sich den Menschen, die ihm so gerne helfen wollten, erschlossen hätte. Aber sein monomanes Wesen machte ihm diesen Schritt unmöglich. Ganz seinem Gott ergeben, konnte er es nicht über sich bringen, die Menschen allzu nahe an sich heranzulassen. Er spricht sich geringschätzend über diejenigen aus, die ihre Leiden durch Leidensgenossen mindern wollen. Bis zu seinem Lebensende hat er seinen Freunden gegenüber seine Schwindsucht verheimlicht Jn seinen Briefen ist fast kein persönlicher Zug vorhanden. Alles dreht sich darin um die Frage, wie sich die Menschen und Dinge zu Gott verhalten. Einmal soll er sich einem — allerdings unsichern — Berichte des Colerus zufolge mit dem Gedanken an eine Ehe getragen haben. Seine Wahl fiel auf Klara Maria, die Tochter seines Gönners und Lehrers Van den Ende, die wegen ihrer Gelehrsamkeit und Klugheit weit berühmt war. Sie aber hat einen andern Mann, der ihr eine kostbare Perlenschnur gab, vorgezogen. Wie es sich mit diesem Heiratsplan auch immer verhalten haben mochte, Spinoza blieb ledig und vergrub sich immer tiefer in die Arbeit Die gleiche Stellung wie zu den Menschen nahm er seinen Arbeiten gegenüber ein. Die Geschichte kennt wenige Beispiele von der Art, wie Spinoza mit seinen Geisteskindern verfuhr. Seit dem Beginn seiner zweiten Lebensperiode bis zu seinem Lebensende hat er mit unermüdlichem Fleiß Werk 343

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