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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 342

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Spinozas Persönlichkeit
Date
1926-10-01
Page
342 (sequence 4)
Language
German
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Jakob Fromer Vorsichtig!, die sein Siegelring trng, sichtbar zum Ausdruck brachte. Er schließt den TheoL-polit Traktat mit den Worten: „Es bleibt mir noch übrig zu bemerken, daß ich nichts darin geschrieben habe, das ich nicht bereitwilligst der Prüfung und dem Urteil der höchsten Gewalten meines Vaterlandes unterwürfe." Als einer seiner Freunde dieses Werk ins Holländische übersetzen will, bittet ihn Spinoza, davon abzustehen, weil das Buch verboten werden könnte. Ebenso mahnt er seine Freunde, mit dem Manuskript des „Kurzen Traktats", das er ihnen zusandte, „wegen der Beschaffenheit der Zeit" vorsichtig umzugehen. Von einer Arbeit, mit der er beschäftigt ist, schreibt er an einen Freund: „Manchmal lasse ich sie liegen. Ich fürchte nämlich, daß sich die Theologen unserer Zeit verletzt fühlen und mich, der ich die Zänkereien scheue, mit ihrem gewohnten Haß verfolgen." Wir haben gesehen, wie heftig er im Kampfe gegen fremde Meinungen werden konnte. Aber das kam nur äußerst selten vor. Gewöhnlich war er aufs ängstliche bemüht, jeden Angriff zu vermeiden. „Es ist nicht meine Art", sagte er, „die Irrtümer anderer aufzudecken. Ich lasse jeden nach seinem Sinne leben, und wer will, möge immer für sein Glück sterben, wenn ich nur für das Wahre leben darf." Man hat mit Unrecht dieses vorsichtige Benehmen feige genannt Wer im Leben keine andere Aufgabe hat, als zu essen, zu trinken, sich zu vergnügen und zu vermehren, der mag sein Leben nach der Art der Götzendiener für jede Nichtigkeit aufs Spiel setzen. Nichts geht dabei verloren. Wer aber im Dienste eines höchsten Jdeals steht, muß sein Leben für große Aufgaben bewahren und kleinlichen Fragen gegenüber mit Jesus sprechen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist". In einer Zeit, in der man wegen ketzerischer Ansichten verbrannt wurde oder — wie es Adriaan Koerbagh erging — im Zuchthaus verfaulen mußte, hatte jeder, der nach Großem strebte, die Pflicht, sich vor unvorsichtigen Äußerungen in acht zu nehmen. Um so offener sprach sich Spinoza in Kreisen aus, in denen er keinen Verrat zu befürchten hatte. Da brach jene tiefemdringende Beredsamkeit hemmungslos hervor, deren nur Menschen fähig sind, die sich über die Sache zu vergessen vermögen. Das sind die Momente, durch die Spinoza auf seine Umgebung eine so unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt hat Indessen konnte er von seinen Freunden dasselbe sagen, was ein Grieche einst über seine Geliebte geäußert ht: „Ich besitze sie, aber werde von ihr nicht besessen." 342

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