Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 341 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Spinozas Persönlichkeit Um so bewunderungswürdiger ist es, daß er seine Leidenschaften, zu mäßigen verstanden hat „Niemals", sagt Colerus, „sah man ihn allzu traurig, noch allzu fröhlich. Seinen Zorn und sein Mißvergnügen konnte er sehr wohl bemeistern oder in sich verschließen, indem er es nur durch ein Zeichen oder einige kurze Worte zu erkennen gab oder aufstand und fortging, aus Furcht, seine Leidenschaften möchten überhand nehmen." Neben dieser Charakterstärke mußte ihm die für die damalige Zeit ungewöhnliche Bildung, die er sich in einem reifern Alter als Autodidakt angeeignet hat, Sympathie erwerben. Er beherrschte neben seinen vier Muttersprachen, dem Spanischen, Portugiesischen, Holländischen und Hebräischen, auch noch die deutsche, italienische und lateinische Sprache. Über den Lehrer, bei dem er die lateinische Sprache erlernt hat, sind 6ich die Biographen nicht einig. Nach Lucas war es Van den Ende, nach Bayle ein Mediziner, womit wahrscheinlich eben dieser Van den Ende gemeint ist, nach Stolle-Hallmann ein Italiener, nach Colerus wurde er bereits im elterlichen, Hause von einem deutschen Studenten in dieser Sprache unterrichtet und später darin durch Van den Ende vervollkommnet In der Philosophie war er in Plato, Aristoteles, die Stoa und Scholastik and in die neuzeitlichen Philosophen tief eingedrungen. Auch mit der Mathematik und den Naturwissenschaften, besonders mit der Astronomie, Physik, Mechanik und Chemie, war er gut vertraut Seine Beschäftigung mit der Zeicbenkunst ist bereits erwähnt worden. Dazu kam der feine Takt und das vornehme Auftreten, das alle, die mit ihm verkehrten, so sehr rühmten. Er ging niemals anders als im Staatskleid aus. „Nicht ein unsauberes und vernachlässigtes Aussehen", sagte er, „macht uns zum Gelehrten, im Gegenteil, diese affektierte Nachlässigkeit ist das Zeichen einer niedrigen Seele, in der keine Weisheit sich findet und in der Wissenschaften nur Unreinheit und Verderbnis erzeugen konnten". Bei seiner nach Objektivität strebenden Natur hatte er eine unüberwindliche Scham vor jedem Auffallen, gleichviel ob durch das Gute, Schöne und Wahre oder durch das Gegenteil So weit ging er in seiner Flucht vor dem Ich, daß er vor seinem Tode verboten hat, der „Ethik", die er mit Recht als sein Lebenswerk betrachten durfte, seinen Namen bei der Drucklegung voranzustellen. Aus demselben Grund entsprang die ängstliche Zurückhaltung, die er fremden Menschen gegenüber übte und die er durch die Inschrift „Caute" 341