Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Fromer So dürftig er auch lebte, war er doch von einer hochherzigen Freigiebigkeit beseelt Als er hörte, daß ein Mann, der ihm 200 Gulden schuldig war, Bankerott gemacht hatte, war er weit davon entfernt, sich darüber aufzuregen,, er sagte vielmehr lächelnd: „Ich muß mich in meinen Gewohnheiten einschränken, um diesen kleinen Verlust wieder auszugleichen; um diesen Preis kauft man den Gleichmut" Nicht immer freilich hat er seinen Gleichmut zu bewahren vermocht Als sein Freund und Gönner Jan de Witt ermordet wurde, war er im Begriffe, sich dem aufgeregten Pöbel entgegen zu werfen. Nur dem besonnenen Einschreiten seines Hauswirtes hatte er es zu verdanken, daß er mit dem Leben davon gekommen ist Einst bekam er ein Schriftchen in die Hände, in dem den Lesern empfohlen wurde, die Lüge zu pflegen und die Wahrheit zu verachten, bei allen Handlungen einzig auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, niemanden zu glauben und zu trauen, niemanden Hilfe zu leisten, es sei denn, daß man davon einen Nutzen habe. Möglich, daß es sich dabei um eine Satire handelte. Spinoza nahm die Sache ernst und entrüstete sich darüber mit einer Heftigkeit, die gar nicht zu einem Philosophen paßte, der stets das Nil admirari mit aller Entschiedenheit predigte. Ebenso heftig verfuhr er gegen seinen ehemaligen Freund und Schüler Albert Burgh, der, einer protestantischen Familie entstammend, sich zum Katholizismus bekehrte und daraufhin in einem wenig respektvollen Schreiben Spinoza riet, sich sahleunigst in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zu begeben, sonst würde er dahin kommen, wo sein werde Heulen und Zähneklappern. Auch in seinen sonstigen literarischen Fehden gebraucht Spinoza häufig Ausdrücke, die man als „unparlamentarisch" bezeichnen könnte. „Die Bibelerklärer", sagt er, „träumen, erdichten Falsches." „Die Kabbalisten sind Schwätzer." „Die Scholastiker scheinen nach dem Irrtum zu streben und das Unsinnigste zu erdenken." Seine persönlichen Gegner nennt er „höchst unwissend, frech und albem". Er scheint überhaupt im Grunde seines Wesens das, was man eine Kampfnatur zu nennen pflegt, gewesen zu sein. Colerus erzählt, daß er in einem von Spinoza herrührenden Zeichenhefte ein Porträt gefunden hat, in dem Spinoza sich selbst gezeichnet hat im Hemde, mit einem Schiffernetz auf seiner rechten Schulter, ganz in der Weise, wie der berüchtigte neapolitanische Räuberhauptmann Mas Aniello in den Historienbildern geschildert wird. 340