Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Spinozas Persönlichkeit
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 339 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Spinozas Persönlidikeit Von Jakob Fromer Spinoza gehört zu jenen Schriftstellern, die persönlich starker als durch ihre Schriften zu wirken vermögen. Er hatte, berichtet Lucas, in seinen Unterhaltungen eine solche verbindliche Art und bediente sich solcher passenden, Vergleich ungen, daß er jedermann für seine Meinung gewann. Obwohl er sich, fügt der Biograph hinzu, weder einer besonderen Glätte noch einer Eleganz der Rede befliß, war er dennoch überzeugend. Er machte sich eben so verstandlich und seine Rede war so voll gesunden Menschenverstandes, daß niemand ihn hörte, ohne davon befriedigt zu werden. Durch diese schönen Fähigkeiten wurden alle Vernünftigen von ihm angezogen. Unter allen, die ihn besuchten, war keiner, der ihm nicht eine besondere Freundschaft gezeigt hätte. So weit der Biograph. Die bestrickende Beredsamkeit allein würde indessen kaum ausgereicht haben, um für ihn die Herzen solchermaßen zu gewinnen, wenn nicht noch andere persönliche Eigenschaften mitgewirkt hätten. In erster Reihe wird es wohl die Uneigennützigkeit gewesen sein, die, wie auch Goethe in „Dichtung und Wahrheit" hervorhebt, eine solche Anziehungskraft hatte. Dazu kam sein liebenswürdiges Wesen. „Die Landleute", sagt Bayle, „rühmten ihn als freundlich, gefällig, dienstwillig und sehr ordentlich in seinen Sitten." Wenn seine Hausgenossen, erzählt Colerus, krank waren, dann ließ er nicht nach, ihnen zuzusprechen, sie zu trösten und zur Geduld zu ermahnen, indem er sie lehrte, daß das ein ihnen von Gott auferlegtes Los sei Die Kinder des Hauses ermahnte er zur Unterwürfigkeit und zum Gehorsam gegen ihre Eltern und zum Besuche des öffentlichen Gottesdienstes. Von seiner Hausfrau einst gefragt, ob sie nach seiner Meinung in ihrer Religion wohl selig werden könne, gab er zur Antwort: „Eure Religion ist gut; ihr braucht nach keiner andern zu suchen, um selig zu werden." 23* 339