Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ist die Rasse veränderlich?
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 337 (sequence 15)
- Language
- German
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Ist die Rasse veränderlich? Boas1) meint, es sei kein Anzeichen dafür gegeben, daß die beobachteten Veränderungen erblich seien ... es konnte sehr wohl zutreffen, daß dieselben Leute, in ihre alte Umgebung zurückversetzt, auch in ihren früheren Typ zurrückschlügen. Richtig ist, daß man innerhalb der menschlichen Gesellschaft echte Vererbung schwer nachweisen kann. Daß aber die Veränderung sich im geraden Verhältnis zur Zahl der Generationen steigert, wie besonders deutlich aus Befunden von Hrdlicka erhellt, spricht doch sehr für erbliche Anhäufung des ersten Veränderungsgrades. Und daß die Veränderung in der alten Umwelt rückgängig gemacht würde, spricht nicht unbedingt gegen Erblichkeit Setzen wir einmal voraus, daß tatsächlich eintrifft, was Boas vermutet, so ist es nur Ausdruck des allgemeinen Naturgesetzes, daß jede Wirkung durch ihre genaue Gegenwirkung aufgehoben werden muß. Es ist unphysikalisch und unphysiologisch gedacht, wenn man von dem relativen Beharrungsvermögen, das wir bei lebenden Naturkörpern gleichnisweise „Vererbung" nennen, verlangt, es solle bedingungslos festhalten, was sich vorher als so bildsam erwies. Man war niemals berechtigt, Erblichkeit und Unabänderlichkeit gleichzusetzen. Es war immer ein Irrtum, von einer organischen Eigenschaft — und gar von einer frisch gewonnenen — iooo/o Vererbung und oo/o Variabilität zu fordern. Boas hält es für notwendig, erbliche und kulturelle Einflüsse, die sich in der Rasse geltend machen, streng zu unterscheiden. Offensichtlich gelangte er zu diesem Postulat durch seine Einsicht2), daß erbliche Ursachen allein für die beobachteten Erscheinungen keine ausreichende Erklärung liefern. Verglichen mit den hartnäckigen, öden Versicherungen, daß alle Variation nur auf verborgenen, vorbereiteten Keimesanlagen beruhe, ist jener Ausspruch geradezu eine Erlösung. Indessen darf man auch nicht übersehen, daß ein kultureller Einfluß von heute ein erblicher Einfluß von morgen ist; daß, was bisher Erbschatz und Anlagenvorrat war, durch erworbene Eigenschaften bereichert wird, die aus dem Kulturmilieu stammen. Daher bleiben innere und äußere, erbliche und Umweltseinflüsse nicht grundsätzlich getrennt, sondern sind nur Stufen ein und desselben Entwicklungsgeschehens. Was derart ineinander übergeht, kann aber auch niemals wesentlich, sondern höchstens begrifflich unterschieden werden. Aus demselben Grunde ist es *) „New evidence in regard to the instability of human types". Proceedings of the National Academy of Sciences, vol. II, December 1916, p. 715, ähnlich 717. 2) „The influence of environment upon development". Ebenda, vol. VI, Nr. 8, August 1920, p. 4g3- 23 337