Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Ist die Rasse veränderlich?
Date
1926-10-01
Page
336 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897142--01276-2897213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Paul Kammerer Die moralischen Folgerangen, die wir aus den rein wissenschaftlichen Ergebnissen von Boas und Hrdlicka ziehen und die von anderen (selbst den Gegnern), zumindest stillschweigend, ebenfalls gezogen werden, reichen selbstverständlich aus, um eine Flut von Angriffen zu entfesseln. Sowohl von der Seite, die — wie Edwin Grant — die Reinerhaltung und Vorherrschaft der nordischen, blonden Rasse befürwortet, als auch von zionistischer Seite — wie Charles W. Eliot — wird dagegen Sturm gelaufen. Die in der zionistischen Gesellschaft der Harvard Universität, Boston, erteilten Ratschläge Eliots, keine Andersrassige zu heiraten, sind von den Rabbinern Nathan Krass, Stephen S. Wise und Herbert S. Goldstein verkündet, vervielfältigt und übertrieben worden; nur Rabbi Samuel Schulmann hat widersprochen und in derartigen Ratschlägen das vollkommene Gegenstück des Ku Elux Klan erkannt, der da predigt und dafür agitiert, daß nur Männer und Frauen von angelsächsischer Herkunft als richtige Amerikaner anerkannt werden sollen. Hüben wie drüben wird kurzweg behauptet, der „Schmelztiegel" sei ein falsches, abgedroschenes Schlagwort; in Wirklichkeit gebe es derlei garnicht Und die Gegner von Boas lehnen es rundweg ab, zu glauben, daß umweltbedingte Rassenänderungen vor sich' gehen können. Offensichtlich ist der Wunsch hier der Vater des Gedankens: die Lehre von der Rassenbeständigkeit ist denkgewohnter und auch sonst — wie alles, was der Hoffahrt schmeichelt — bequemer als die Lehre der Rassenbildsamkeit Leider fehlt es nicht an Gelehrten und Hochschullehrern, die — bewußt oder unbewußt — die Wahrheit dem Wunsche anpassen; die den Rassenveränderungen, weil sie im unduldsamen, nationalistischen Lager nicht wünschenswert erscheinen, gehorsam auch nicht stattzufinden erlauben. Gegen ziffernmäßige, mit einwandfreier Statistik gewonnene Resultate, wie jene von Boas und Hrdlicka, läßt sich aber auf die Dauer doch nichts ausrichten. Danach ist die Rasse durchaus keine bloße, begriffliche Abstraktion; ihre Realität wird keineswegs aufgehoben. Aber Rasse ist weder etwas Ursprüngliches noch etwas Bleibendes; ihre Grenzen sind unscharf im Räume und verfließen in der Zeit Dieser Schluß, aus Boas' Untersuchungen abgeleitet, läßt unserem Gewährsmann vielleicht insofern nicht volle Gerechtigkeit widerfahren, als er in der Vererbungsfrage eine sehr vorsichtige Haltung einnimmt Gegen seine Zurückhaltung möchte ich selbst mir zwei Einwendungen erlauben. 336

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.