Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ist die Rasse veränderlich?
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 329 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ist die Rasse veränderlich? Vererbung erworbener Eigenschaften sprechen, denen gegenübergestellt, die dagegen sprechen. Wie armselig nimmt sich — sogar bei weitherziger Auslegung — neben dem positiv das negativ ausgefallene Belegmaterial aus! An indirekten Beweisen fehlt es auch beim Menschen wahrlich nicht Gegen hundert Organruinen unseres Körpers bezeugen auf Schritt und Tritt] den ehemaligen Vollbetrieb: durch Nichtgebrauch oder schwächeren Gebrauch sind diese rudimentären Organe (wie Blinddarm und Steißbein) der Verkümmerung anheimgefallen, in der sie noch gegenwärtig weitervererbt werden. Ludwig Plate sieht im Mitschleppen von Rudimenten einen Beweis für die Vererbung erworbener Eigenschaften, der dem von Zuchtversuchen gelieferten Beweismateriale ebenbürtig, eher noch überlegen ist Eines der schönsten Beispiele — vom alten Anatomen Albin us entdeckt, von Richard Semon wiederentdeckt und ausgearbeitet — ist ferner die menschliche Fußsohle. Die mächtige Hornschwiele, die sich hier entwickelt, ist bestimmt Folge des darauf lastenden Körpergewichtes. Eine Reaktion auf den mechanischen Druckreiz, muß die Schwiele zwar von jedem Individuum neu erworben werden; aber die Anlage dazu ist schon beim sieben Monate alten Embryo — also lange vor dem Auftreten — nachweisbar: die Haut der Fußsohle ist in regerem Wachstum begriffen als die des Fußrückens; und zwar am stärksten genau an den Stellen späteren Auftretens, an Ferse, Ballen und der Beere der großen Zehe. Auch an einem Klumpfuß, dessen Rücken zum Auftreten benützt wurde, fand Semon die Hautverdickungen auf denselben normalen Stellen. Da sie bei jenem Krüppel zeitlebens das Körpergewicht nicht zu spüren bekamen, konnten die charakteristischen Verdickungen nur ererbt sein. Die normale Fußsohle gehorcht in vorbildlicher Weise dem Gebot: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Was bedeutet die Vererbung erworbener Eigenschaften für das Rassenproblem? Wenn die Individuen Eigenschaften erwerben und vererben können, so ist die Rasse offenkundig nicht unveränderlich. Sie besteht ja aus Individuen! Die Vorstellung, das relativ unsterbliche Ahnenerbe sei unabhängig von den Leibern und Schicksalen der absolut sterblichen Individuen, war von vornherein unwahrscheinlich und ist durch das Vorkommen der Vererbung erworbener Eigenschaften widerlegt In den Händen des seiner selbst bewußten, erfinderischen, naturbeherrschenden Menschen kann jene Vererbung zum technischen Werkzeug werden, um wünschenswerte Eigenschaften absichtlich aus- 329