Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ist die Rasse veränderlich?
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 324 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Kammerer bilde Platz machen. Man hatte noch das Durchbohren der Ohrläppchen, des Hymens und die Beschneidung hinzufügen können. Gelangt die „voraussetzungslose Wissenschaft" zu dem Resultat, daß die Rasse eine unveränderliche Große ist, so kommt dies den politischen Strömungen der Gegenwart entgegen. Singt die Wissenschaft selbst das Hohelied des Konservatismus, wozu sich dann um den Fortschritt mühen? Es gibt ja keinen wahren, organischen Fortschritt, wenn das Kind nichts von den Errungenschaften seiner Vorfahren erbt, sondern immer wieder — mühselig auf die Krücke der mündlichen und schriftlichen Überlieferung gestützt — ganz von vorne anfangen muß! Überdies gilt dann uneingeschränkt das Vorrecht der Geburt: im Leben entscheidet dieses voraussichtlich den Erfolg, ob man wohlgeboren oder gar hochgeboren ist; die „minderwertige" Rasse hat ganz und gar keine Hoffnung, aufgewertet zu werden; am besten unterdrückt man sie gleich gänzlich. Eigendünkel und Rassendünkel stehen wissenschaftlich (!) gerechtfertigt da; mit ihnen der Haß, der erbarmungslose Kampf ums Dasein und der Krieg. Die Hebung der sozialen Lage sei überflüssig: die Lebenslage habe ja doch keinen Einfluß auf das Erbgut Die Nachkommen seien vor schädigenden Einflüssen, denen die Eltern erliegen, daher auch vor Ausbeutung, geschützt; andererseits werden sie nicht gebessert, wenn man es den Erzeugern noch so gut gehen läßt Eine der lehrhaften Tafeln des deutschen Hygienemuseums in Dresden liest sich wie folgt: „Durch Verbesserung der körperlichen Beschaffenheit, durch Erziehung usw. kann also ein Volk seine Erbanlagen nicht verbessern, sondern nur durch Auslese mit Hilfe rassenhygienischer Maßnahmen, welche die Fortpflanzung von Menschen mit gesunden Erbanlagen gegenüber solchen mit kranken begünstigen." Eine andere Tafel behandelt die „Auslese und Gegenauslese". Unter den Bedingungen, welche „im Sinne der Auslese", also günstig wirken, lesen wir wahrhaftig auch „Tuberkulose", obgleich mit der Einschränkung: „Soweit die Erbanlage allein in Frage kommt". Soll demnach heißen: wenn wir die Tuberkulose bekämpfen, sündigen wir gegen die Rasse. Denn die Tuberkulose ergreift die schwächer Veranlagten; sie schafft heilsamen Kehraus. Ganz unzweideutig haben sich Haykraft und Raymond Pearl („Biology of death") so ausgesprochen. Dasselbe gilt von der Säuglingssterblichkeit (v. Hansemann), von den Geschlechtskrankheiten, vom Alkohol; sie alle sind „Freunde der Rasse" (Haykraft). . . . 324