Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ist die Rasse veränderlich?
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 323 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897142--01263-2897200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ist die Rasse veränderlich? Von Paul Kämmerer*) Vor Lamarck und Darwin galten Art und Rasse als beständig. Hat die Lebenslage („Milieu") auf sie Einfluß? Eine solche Frage wurde nicht erst aufgeworfen: von vornherein wäre sie im verneinenden Sinne entschieden gewesen. Nur durch Kreuzung konnte eine begrenzte Veränderung des Rassenbildes erzielt, Mischrassen konnten erzeugt werden. Die Vererbungslehre des 20. Jahrhunderts glaubt mit Ergebnissen abschließen zu dürfen, die zu den Anschauungen zurückführen, welche vor Lamarck und Darwin als selbstverständlich galten. Nicht einmal Mischrassen läßt sie gelten. „Es gibt keine Mischrassen!", liest man auf einer im deutschen Hygienemuseum in Dresden ausgestellten Übersichtstafel der Rehobother Bastarde zwischen Hottentotten und Buren. Laut Eugen Fischer, der sie untersuchte, werden die Ursprungsrassen aus der Mischung immer wieder ganz rein abgespalten, wie es die von Johann Gregor Mendel an Erbsen, Levkojen und anderen Pflanzen entdeckten Vererbungsregeln fordern. Vollends soll die Umgebung, in der die Rasse lebt, keinerlei Macht über sie gewinnen. Die Umwelt beeinflusse höchstens die Person, aber nimmermehr die Generation. Vom Individuum erworbene Eigenschaften seien nicht erblich. Wieder beziehe ich mich auf das deutsche Hygienemuseum in Dresden, weil es diese Lehrmeinungen in weitere Kreise trägt als manch ein Lehrbuch; und weil ich selbst gerade Gelegenheit hatte, seine Sammlung „Der Mensch" im Rahmen der Hygieneausstellung in Wien zu besichtigen. Genanntes Museum also glaubt, den Satz von der Nichtvererbbarkeit erworbener Eigenschaften immer noch illustrieren zu können, indem es an die verkrüppelten Füße der Chinesin und an die kupierten Schwänze des Foxterriers erinnert, die beim Neugeborenen stets wieder dem normalen Ge- -*) Während der Drucklegung dieses Aufsatzes trifft die erschütternde Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden Paul Kämmerers ein. Die hier entwickelten Gedanken stehen in engstem Zusammenhang mit seiner Lebensarbeit. D.H. 22* 323