Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Aus Herford's neuestem Werk über die Pharisäer [Rezension]
Date
1926-08-01
Page
312 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896989--01230-2897124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Felix Perles Altare, vom Sieger in brutaler Weise niedergetreten. Doch es glühte weiter auf dem Herde und bestand fort, um von jenem Tage an bis heute die Religion der Pharisäer zu schützen und zu erhalten..... In seiner ganzen langen Geschichte hat das jüdische Volk, kaum etwas wunderbareres getan, als daß es die Synagoge schuf. Keine menschliche Institution hat eine längere ununterbrochene Geschichte, und keine hat mehr für die Erhebung des Menschengeschlecht getan . . Es verdient Erwähnung, das Jesus, trotzdem er sich in harten Worten über die Pharisäer äußerte, niemals etwas gegen die Synagogen sagte, und es wird von ihm erzählt, das er am Sabbat in die Synagoge zu gehen pflegte (Lukas 4, 16). Während wir nun allerdings nicht den genauen Zeitpunkt kennen, wann die Synagoge zuerst auf den Schauplatz der jüdischen Geschichte trat, fällt doch ihre Entstehung und Entwicklung in die Periode des durch Esra und die Schnf tgelehrten begründeten dominierenden Einflusses der Thora. Wäre dieser Einfluß derartig, wie Christen gewöhnlich annehmen, mit der Wirkung, die jüdische Religion zu versteinern und ihre prophetische Freiheit in gesetzliche Knechtschaft zu verwandeln, dann hätte doch die Synagoge die ganze Macht dieses Einflusses erfahren müssen und wäre nicht in der Lage gewesen, die jüdische Religion lebendig zu erhalten oder als natürliches Vorbild für die neugegründete christliche Kirche zu dienen. Sie tat aber beides, und zwar sehr gründlich. Wäre der Einfluß Esra's, der Schriftgelehrten und der späteren Pharisäer wirklich so ertötend gewesen, dann müßte die Synagoge als Protest gegen diesen Einfluß aufgekommen sein, es besteht aber auch nicht leiseste Spur, die auf einen solchen Protest hinwiese, oder auf ein Bedürfnis, ihn geltend zu machen. Die Synagoge ist die organisierte Verkörperung der Religion der Thora, oder sie ist völlig sinnlos. Daraus ergibt sich der Schluß, daß der Einfluß Esra's und seiner teren Anhänger nicht in der Richtung lag, jüdische Religion zu einem unfruchtbaren Legalismus zu machen." Halacha und jüdische Moral (S. 122—23). „Es ist eine Tatsache, daß kein Studienzweig von den Juden zu allen Zeiten eifriger gepflegt wurde als die Ethik. Das zeigen unzählige Beispiele von den Pirke Aboth bis zur „Ethik des Judentums" von Lazarus.*) Selbst Spinoza, soweit er sich auch sonst von den herkömmlichen Bahnen jüdischen Denkens entfernte, zeigte sich doch als echten Sohn seines Volkes, da er die Ethik zum Gegenstand seines Hauptwerkes machte. Hätte der Einfluß der Halacha wirklich darin bestanden, den moralischen Sinn der unter ihr lebenden Juden zu schwächen oder gar zu lähmen, dann wäre ein so hingebendes jahrhundertelanges Studium der Ethik unmöglich, weil ein Widerspruch in sich selbst. Ein Vergleich zwischen Juden und Heiden oder Juden und Christen in moralischer Beziehung würde ergeben, daß mindestens so viel wirkliche Tugend auf der jüdischen wie auf der anderen Seite war. Wenn das der Halacha zu verdanken war, dann war ihr erzieherischer Einfluß ein wohltätiger, und wenn es wieder nicht der Halacha zu verdanken war, dann tat der Einfluß dieses Systems der Sittlichkeit keinen Schaden. Was auch immer die Meinung der nicht jüdischen Welt sein mag, die Pharisäer und die Rabbiner wußten, was sie taten, wenn sie die Halacha ausarbeiteten und zum Hauptmittel der sittlichen Erziehung ihres Volkes machten. Eine zweitausendjährige Erfahrung erteilt die Antwort auf die Frage, ob ihre Antwort vergebens v.ar/ Prophetisches und pharisäisches Judentum (S. i37/38). „Das pharisäische Judentum ist in die Praxis umgesetztes Prophetentum. Es als eine Negierung oder Verwerfung des Werkes der Propheten hinzustellen, ist der größte in der Sache überhaupt mögliche Irrtum. Die Pharisäer kamen in Bezug auf die Propheten „nicht, um zu zerstören, sondern um zu erfüllen"; nicht um von einem hohen Ideal herabzusinken und ein niedriges aufzustellen, sondern um wirksamer dem höheren nahe zu kommen; nicht um es den Blicken derer zu entziehen, die es einst gesehen hatten, sondern um es denen vor Augen zu führen, die es nie geschaut hatten ... Sofern nicht behauptet wird, daß die praktische Anwendung der prophetischen Lehre auf das Leben nur von geringer Bedeutung war, muß zugegeben werden, daß das pharisäische Judentum die direkte Fortsetzung und notwendige Vollendung des Werkes der Propheten war. Die Pharisäer waren gerade diejenigen, die das *) Warum nennt Herford nicht Hermann Cohens Schriften? 312

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.