Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 309

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
309 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896988--01226-2897121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? tive Revolution gegen die abgeschlossene Sprache einer Oberschicht, sondern nur subjektive Revolution gegen den Verfall der Sprache selbst sein kann. Gerade darum aber ist es auch verstandlich, daß das Unternehmen einer neuen Übersetzung über Kommentar und geplante Änderung im Einzelnen hinauswachsen mußte zu dem Ringen um eine neue Bibelsprache. Die alte Form mußte unter dem Zugriff von Menschen der heutigen Zeit zerbrechen. Die Sprache von einst und die Sprache von heute vertrugen sich nicht mehr. „Wird das Wort die Braut genannt, Bräutigam der Geist" — so mußte der von Grund auf veränderte Geist mit Notwendigkeit ein neues Wort umfangen. Nur in einer abgelösten Sprache des Geistes, nicht in einer Volkssprache konnte heute eine Übersetzung geschehen. Denn wir haben keine Volkssprache mehr. An ihrer Stelle haben wir nur ein Volapük der Technik, der Fachwissenschaft, der Berufe, des Kinos und Radios und eine verkommene Sprache der Straße. So ruht der Geist nicht mehr wie in den Zeiten der Propheten, wie noch in Luthers Zeit lebendig auf der Wirklichkeit auf; die Volkssprache und die Sprache des Geistes sind unüberbrückbar auseinandergerissen. Darum kann die Sprache des Geistes wirklich nur einen Teil unserer Lebenswirklichkeit umfangen — der räumlich weit größere Teil: das gesamte Leben der heutigen Öffentlichkeit, Technik, Fabrik und Maschine und damit freilich auch das Leben des Arbeiters liegen außerhalb dieser Wirklichkeit Aber nicht dem Volk kann ja heute, sondern dem Geist soll das Wort zurückgegeben werden. Die Sprache des Geistes ist für uns seit langem wie die von Gottes Angesicht verstoßene Seele selbst einsam, esoterisch geworden. Der Geist wendet sich rein auf das Wort selbst zurück, strebt es in seiner Reinheit wieder herzustellen. Er bildet heute nicht das Göttliche; er dient ihm nur, indem er die Falten seines Gewandes ordnet Schon Nietzsches Sprache ist auf diesem Wege rein auf das Wort zu. Weit ausschließlicher noch aber ist es die Stefan Georges. Seine Größe ruht darin, daß er der Situation des religiösen Geistes in unserer Zeit strengen und erschütternden Ausdruck gegeben hat Seine Sprache ist die Sprache des Geistes im Exil: fern und feurig brennend, schroff sich sondernd, einer steilen, schmalen Flamme gleich nur die eine Dimension der Höhe kennend. Nicht im geschichtslos Leeren hängt diese Sprache — sondern vom Heute, von der heutigen Welt spricht sie, indem sie sie verschweigt, mit Feuerzungen. Ein Gericht über die heutige Sprache, in der auf jedem Wort der Menge Stempel fleckt, ist sie — und eben als dies Gericht "eine Revolution nicht weniger als die Sprache Luthers — wenn auch 309 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.