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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 310

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
310 (sequence 12)
Language
German
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Margarete Susmann: Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? im umgekehrten Sinne: nicht im Namen des Volkes, sondern in dem des Geistes, der in einer Welt ohne Subjekt und Gewissen in nicht minderer Verlassenheit ist als damals das von der Unmittelbarkeit des Gotteswortes ausgeschlossene Volk. Nicht aus dem toten Buchstaben, sondern aus dem lebendigen Geist stammt auch diese Revolution, die sich nicht mehr einer Volkssprache verbünden kann. Wort und Feuer ist ihr der Name, Inbegriff des Lebens das Wort Nicht tote, unfruchtbare Schönheit ist diese Sprache; dafür kann sie nur der nehmen, der ihre Geburt aus den Tiefen unseres Lebens und unseres Verstoßensems nicht mitzuerleben oder nachzuerleben vermag. Sondern welche andere Sprache könnte heute die Wahrheit im religiösen Bezirk aufnehmen als diese, die das Wort der vereinsamten Seele gefunden hat? Gewiß ist diese Sprache existentieller religiöser Prägung nicht einfach zu übernehmen; sie wandelt sich mit dem Inhalt, erhält ihr eigenes Gesicht durch die Persönlichkeit, die in sie eingeht Aber wie sehr sie jeder tiefsten Äußerung religiöser Inhalte in unserem heutigen Leben zugrunde liegt und sich ihm bietet, zeigt auch schon Rosenzweigs Halevy-Übersetzung, die über alles nur Kunstwerkhafte hinaus die einzige adäquate dichterische Prägung jüdischer Glaubensinhalte in moderner deutscher Sprache ist Und wie wäre hier das Dichterische vom Realen abzulösen? Dichtung ist die Sprache alles in den Ausdruck eingegangenen religiösen Lebens — bis empor zum dem Heilig, heilig, heilig der Seraphim des Jesaja. Jede Äußerung übermächtigen seelischen Lebens mündet in den dichterischen Rhythmus ein. Des großen Dichters Sprache hat den Weg gewiesen, den unsere Zeit jim Wort allein noch gehen kann. Nur im bewußten Gegensatz zur allgemeinen Sprache der Zeit konnte heute das Wagnis einer neuen Bibelübersetzung unternommen werden. Denn es kommt aus den Tiefen der Einsamkeit, die im Suchen des neuen Wortes für das Ewige mit Hiob stammelt: „Zeige uns, was wir ihm sagen sollen; denn wir werden nicht dahin reichen vor Finsternis." Alle Worte, in den Abgrund unserer heutigen Zeit geworfen, wissen nicht, ob sie Grund erreichen: ob sie auf die Wahrheit des Gotteswortes auf treffen — ob sie so dazu beitragen werden, daß die Kette sich einst wieder schließen und das Wort seine unterirdisch in unserem Leben fortlaufende Wahrheit wieder ergreifen wird. Sie können nicht mehr sein als das Senkblei geistiger und existentieller Kraft, das vereinzelt die Tiefe ablotet Aber so lange es ausgeworfen wird — so lange ein neuer Geist aus seiner eigenen Notwendigkeit zu einer neuen Erfassung des Gotteswortes drängt, so lange ist die Heilige Schrift lebendig. 3X0

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