Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 308 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896988--01225-2897120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Margarete Susmann sie kann darum zunächst von dem, -was sich heute Volk nennt, hinweg nur näher wieder an den Einzelnen: an das vereinsamte Herz herangetragen werden, das heute wie von je fähig ist, sich mit der Frage nach Gott zu quälen. Nur für diese Einzelnen, Wenigen ist heute eine neue Übertragung notwendig- Denn die, die wirklich im religiösen Sinne noch Volk, Gemeinschaft, Gemeinde sind, bedürfen nicht einer neuen, innigeren Vermittlung. Sondern nur die, die aus ihrem geschichtlich lebendigen Verhältnis zur Heiligen Schrift heraus empfinden, daß die Sprache der Lutherbibel nicht mehr die unsere ist, sondern die einer vergangenen Epoche, daß darum der Inhalt der Bibel selbst in ihr in Gefahr gerät, für uns archaisch zu erstarren. Und müßte nicht im Grunde jede Zeit, die sich von der Zeit der letzten Übersetzung weit und weiter abgetrieben fühlt und sich selbst und damit auch ihr Verhältnis zur Bibel neu und anders erlebt, das Verlangen haben, die Bibel in ihrer eigenen Sprache zu besitzen? Im Wort selbst und seiner Unzulänglichkeit und Zeitgebundenheit liegt ja das alle Zeiten zu neuer eigener Übertragung Aufrufende. Und würde auch nur ein verschwindend kleiner Teil der übersetzten Worte als für uns unzureichend, als nicht mehr unser, als für uns nicht mehr vollkommen wahr erlebt — schon das würde den Wunsch rechtfertigen, das Wort des Lebens in neuer Sprache hören und sagen zu wollen. Auch wenn nicht dem, der den Urtext zu lesen imstande ist, sich gezeigt hätte, daß Übersetzungen wesentlicher Stellen sich nicht mit dem Original decken (wie es z. B. sehr klar auch eigene Übersetzungen Hermann Cohens in seinem letzten Werk zeigen, in denen vielfach ganz neue Bedeutungen sich ergeben) — auch dann bliebe dieser Wunsch zu Recht bestehen. Gewiß, nicht Wunsch und Wille allein und das religiöse Verhältnis zur Bibel genügen für das ungeheure Wagnis einer Übersetzung aus dem Geist einer Zeit, in der, wie es in der chassidischen Legende heißt, es dem Edlen so schlecht ergeht, daß er nicht einmal einen Psalm wird sprechen können. Auch nicht die gründlichste Kenntnis der Ursprache reicht als weitere Bedingung zu; es bedarf auch einer intensiven Beziehung zur deutschen Sprache, ihrer durchdringenden Beherrschung und des Wissens um ihren heutigen Stand. Aus dem Stand der deutschen Sprache selbst, der ja nur den allgemeinen Stand unserer Zeit spiegelt, wird es klar, daß eine Übersetzung — wie sie ihrem Sinn nach sich nicht an eine Volksgemeinschaft wenden kann — so auch sprachlich nicht wie zu Luthers Zeit aus dem revolutionären Willen zu einer religiösen Volkssprache entspringen kann, daß sie nicht wie bei Luther objek- 30$