Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 307 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? Denn wie bekannt oder unbekannt dem Einzelnen die Bibel sei, wie völlig wir uns in unserem Denken und Wissen von ihr gelöst haben mögen — wenn wir zu der Quelle aller Wahrheit — nicht die wir erkennen oder bekennen, aber aus der wir leben, die uns natürlich" ist, weil sie hinter all unseren Wertungen: und Handlungen ursprünglich steht — vorzudringen suchen, so finden wir dennoch immer und überall die Wahrheit der Heiligen Schrift Längst ist sie aus dem Buch herausgetreten und in unser unmittelbares Leben eingekerbt Das Leben der Schrift in uns ist unendlich wirklicher als alles, was wir von ihr wissen — unendlich wirklicher auch als all die zerrissenen zerstreuten Kenntnisse und Teilwahrheiten, durch die wir uns die Erscheinungen unseres Lebens zu deuten suchen. So finden wir uns in der seltsamen Lage, das in uns zu haben, was wir nicht erreichen können. Könnten wir nur uns selbst wiederfinden, so fänden wir auch unter aller Überflutung durch das Fremde immer noch unser Antlitz im Antlitz der biblischen Offenbarung gespiegelt wieder. Darum gilt es, wenn wir das Leben der Heiligen Schrift wiederzufinden suchen, zuerst uns selbst zu suchen. — Nicht bloßes gelehrtes Wissen um die Bibel kann sie uns wieder näher bringen — die lebendige Beziehung des heutigen Menschen zu ihr muß aufgeschlossen werden; der ganze Mensch, die ganze Existenz muß sich zu ihr entscheiden. Nur aus solcher lebendigen Entscheidung des Einzelnen zu ihrer Wahrheit kann sie wieder ins Leben zurückgeführt werden. Und nur von solchen kann es geschehen, denen sie nicht nur eine Angelegenheit des Herzens, sondern auch des Geistes ist, die erkennen, daß sie den strengen Sinn ihrer Wahrheit verlieren würde, wenn sie ein rein inneres, von der geschichtlichen Wirklichkeit abgeschiedenes Leben führte. Durchaus bedarf sie des Geistes zu neuer lebendiger Vermittlung. Denn eben in das Wissen soll sie ja wieder emporgehoben werden, in dem sie verschüttet ist So ist auch der Wunsch, sie in neuer Sprache zu prägen, dem Müssen des Augenblicks selbst entsprungen. Aber die Voraussetzungen für das neue Wort, in dem die Bibel heute Gestalt empfangen kann, sind von Grund auf andere als zur Zeit der Übersetzung Luthers. Damals war die Bibel noch nicht der Gemeinschaft der Menschen erschlossen, noch eine Art Geheimschrift für wenige Eingeweihte, und auf der anderen Seite gab es damals eine Volksgemeinschaft, der sie in ihrer eigenen Sprache erschlossen werden konnte. Heute ist die Lage fast die umgekehrte: die Bibel ist allen offen, allen zugänglich; aber nun fehlt die Volksgemeinschaft, sie aufzunehmen. Und 307