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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 306

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
306 (sequence 8)
Language
German
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Margarete Susmann darüber vergehe ich", das ist noch heute der Angstschrei des Geschöpfes, das von der Ewigkeit angerührt der furchtbaren Entscheidung seines Lebens und Todes inne wird. Es bleiben — bleiben auch für uns, die noch tiefer Verstoßenen, alle Fragen Hiobs: alle Fragen des „höheren Herzens", das wie das des großen russischen Zweiflers „fähig ist, sich mit der Frage nach Gott zu quälen". Auch wir wie Hiob bleiben auf unsere Fragen ohne Antwort Und wie zwischen Hiob und Gott, so ist auch zwischen uns kein Schiedsmann, noch der seine Hand zwischen uns beide lege. Kein anderer — auch nicht der Weiseste und Größte kann den Prozeß zwischen uns und Gott entscheiden. Und das, was Hiob widerfährt, ist uns verloren. Wohl zieht auch uns noch, zieht heute und immer Gott im Wetter seiner Offenbarung an uns vorüber. Aber er findet taube Ohren, blinde Augen. Und doch: ist uns nicht die Möglichkeit gegeben, seine Offenbarung heute noch und heute erst zu vernehmen in einer Form, in der wir der Unmittelbarkeit seiner Stimme zu tief Entfremdeten sie noch aufzunehmen vermögen — in der Form der Schrift? Die Schrift liegt zwischen uns und seiner unmittelbaren Offenbarung wie ein mildes Medium, das sein Wort und seine Stimme mit einem nur halb durchsichtigen Nebel einhüllt Sie spricht leiser zu uns und doch deutlicher; sie ist uns näher, indem sie ihm ferner ist In ihr ist seine fremde und furchtbare Offenbarung dem Menschen in seiner Sprache gesagt Schrift ist als menschliche Vermittlung göttlicher Wahrheit unvollkommen; eben darum schlagt sie die Brücke zwischen Gott und uns. Schöpfer, Schöpfung und Geschöpf kommen in ihr zur Ruhe. Denn sie erzählt, und in der Erzählung ist das Ungeheure selbst entfernt und beschwichtigt Und wenn sie der Decke gleicht, die Mose auf sein Angesicht legte, um die Menschen nicht durch das Unerträgliche göttlichen Glanzes zu verstoren, so macht sie uns eben dadurch erst das über uns Hinweggehende zur Wahrheit für uns. So wäre die Schrift doch vielleicht ein Schiedsmann, der seine Hand zwischen Gott und uns legte — zwischen uns von der Geschichte Verstörte und Abgetriebene und seine unfaßliche Ewigkeit? Gewiß, die Gefahr scheint groß, daß auch in dieser Form und gerade in ihr, dem bloßen Buche, die Offenbarung dem Bannfluch der Unwirklichkeit anheimfällt, den unsere Zeit über das Ewige ausgesprochen hat Aber diese Gefahr ist geringer, als sie scheint Denn die Bibel ist nicht nur Buch. Das Leben der Schrift in uns ist weit mächtiger als wir wissen. 306

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