Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 305 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? finden können zu sich selbst, den Weg finden über uns selbst hinaus: den Weg zu der Grundtatsache der Heiligen Schrift, die zugleich ihr oberstes Gebot ist: daß von den Göttern, die der Mensch geschaffen hat, hinweg der Mensch sich zu dem Gott wendet, der ihn geschaffen hat? Dieser Gedanke, zu dem nur das zentral gesammelte, in seine letzte Tiefe eingekehrte Selbst den Weg finden kann, ist uns als Wirklichkeit vollkommen unzugänglich geworden. Er ist uns iu eine nebelhafte Ferne phantastischer, märchenhafter Unwirklichkeit entrückt Nicht in titanischem Trotz wendet sich der heutige Mensch gegen den Schöpfer der Welt, nicht aus einem Überschwang eigener Schöpferkraft, sondern weil ihm, dem tausendfach Gebundenen, seine Gebundenheit durch das Eine und Ganze darüber völlig entschwunden ist Wir zerspaltene, zerfaserte Menschen vermögen uns zu der ungeheuren Ganzheit des Schöpfungsgedankens nicht zu erheben; wir vermögen nicht die fast übermenschliche Konzentration zu leisten, die zu ihm erfordert ist Und doch müßte uns nicht nur unsere bruchstückhafte Einzelexistenz, sondern alles Einzelne überhaupt, vermöchten wir es zu Ende zu denken und zu leben, gewaltsam zu ihm hindrängen. Schliefen wir nicht so tief den Schlaf unserer Leiblichkeit und unseres verkümmernden Denkens, so müßte er aus der ganz verschlossenen Fremdheit jedes Blattes, jedes Halmes mit dem Donner seines Geheimnisses uns anrühren. Das Mysterium tremendum der Schöpfung, das das Buch Hiob mit seinem ungeheuren Atem durchzieht, ist uns durch all unsere Anhäufung von Wissen und Erkennen um keinen Schritt näher, vertrauter, verständlicher geworden; aber es ist uns mit den sieben Siegeln unseres eigenen Geistes verschlossen. Unser Geist und unsere Sinne sind stumpf geworden; unsere Fähigkeit zum Erfassen des Göttlichen ist gelähmt Blitz und Donner, Meer und Himmel, Licht und Abgrund reden uns nicht mehr seine Sprache. Wir kennen noch die Angst und das Zittern des Geschöpfes; aber nicht mehr das Umfangensein von der Schöpfung und die Beugung vor dem Schöpfer. Was aber bleibt, auch uns bleibt, sind alle Fragen unserer einsamen Geschöpflichkeit: die Fragen des geschaffenen Menschen aus den Tiefen seiner zwischen Geburt und Tod eingeschlossenen flüchtigen und vergeblichen Existenz, die doch nicht vergeblich sein will, nicht vergeblich sein darf: die Angst des Menschen, der keine Zeit hat zu warten, bis die Zeit sich ändert, dem für sein Heil und für seine Arbeit am Heil nur dieser eine Augenblick seiner vergänglichen Menschenexistenz angewiesen ist „Deine Augen schauen mich an, 305