Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 304 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susmann an Israel bewähren. Alle Verheißungen des Elends, der Schmach and des Leidens, die dem Volke werden, schließen mit den Worten: „daß ihr erfahret, ich sei der Herr". So offenbart sich der ewige und ganz personliche Sinn des geschichtlichen Schicksals Israels in der Sendung seiner Propheten: daß der Abgrund sichtbar werde zwischen dem Unvollkommenen und Vollkommenen, zwischen Abfall und Gebot, zwischen Mensch und Gott Mit der Verkündung des Einen Gottes hat Israel dies Verhältnis in seiner Reinheit herausgestellt — nicht weil das Volk sündiger war als andere, sondern weil in ihm erst der Begriff der Sünde seinen Sinn erhielt, weil in ihm erst die Sünde sichtbar wurde, weil sie erst wahrhaft Sünde wurde unter dem Einen vollkommenen Gott Können wir noch fragen, ob die Bibel auch für uns noch Wahrheit hat? In der Geschichte Israels hat die Heilige Schrift uns das Antlitz des Menschen im Ebenbilde Gottes enthüllt Hat uns die griechische Antike die menschliche Gestalt in sich verschlossener göttlicher Vollkommenheit geschenkt, so hat die Bibel uns das Angesicht gegeben, den Traum von Gott auf seinen Zügen, das Bild der ewigen Unvollkommenheit im Angesicht des Vollkommenen. Die Gestalt sehen wir von außen — unser Blick gleitet über sie hin: dem Antlitz aber blicken wir entgegen, und es blickt uns entgegen. Die Gestalt verharrt stumm in sich selbst; das Antlitz redet; es spricht zu uns von allem, was wir sind. Das Menschenantlitz der Bibel trägt alle Züge menschlichen Soseins; es trägt jede Leidenschaft und jede Verklärtheit, jede Erniedrigung und jede Erhöhung, ist überströmt von den Tränen der Verwerfung und von denen der Gnade. In diesem Angesicht ist auch das unsere noch gespiegelt; die Bibel ist voll von Schilderungen solcher Zeiten wie die unsere. Das Menschenangesicht im Angesichte Gottes umspannt alle Zeiten, auch die der fernsten Abirrung von Gott Und nur die einzige Frage bleibt zurück, ob wir heutigen Menschen selbst uns noch in diesem Spiegel erkennen. So wird die Frage an die Wahrheit der Bibel zur Frage an uns selbst Und diese Frage ist die allerschwerste. Denn wir sind von uns selbst so weit entfernt, daß wir uns nicht mehr kennen. Unser gesamtes Leben mit seiner ungeheuren Anhäufung menschgeschaffener Dinge und Einrichtungen, menschlicher Erkenntnisse und Zusammenhänge ist so menschenfremd geworden, daß es unserer Hand entglitten ist Wo sind wir in all dem? Wo finden wir uns selbst? Und wie sollten wir menschenfremden Menschen, die nicht den Weg 304