Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 303 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? und gewaltiger in die Erscheinung getreten als in der Geschichte Israels mit ihrer Wurzel im Übergeschichtlichen, mit ihrem Ursprung im Gott der Wahrheit In der Beziehung der gesamten Geschichte auf ihn ist die stete Wechselwirkung von Geschehen und Wahrheit gegeben, die überhaupt allererst und einzig den Begriff der geschichtlichen Wahrheit verwirklicht Es ist dieselbe geschichtliche Wahrheit, die das europäische Leben so durchdringend bestimmt, die uns heute noch und heute wieder unbewußt ihres Ursprungs übermächtig einfordert, die als messianischer Funke noch in der atheistisch-materialistischen Geschichtsauffassung eines Marx glühend fortglimmt So ist hier, im Ursprung der Geschichte im Gott der Wahrheit zugleich der messianische Weg in seiner unmittelbaren Beziehung auf uns selbst gegründet Er kann als Weg von Gott über den Menschen zur Erlösung kein einfach fortlaufender, gerade fortschreitender sein, sondern in jedem menschlichen Gewissen ist er neu zentriert und verantwortet, und nur aus dieser Verantwortung und von ihr gespeist läuft er weiter bis ans Ende. So wird das persönliche Heil zum Mittelpunkt der Menschheit, aus dem es zum Ziel der Menschengeschichte leitet Im Gewissen selbst wird Israels Schicksal entschieden, und damit entscheidet Israels Schicksal das Schicksal der Welt Diesem im persönlichen Gewissen gegründeten und nur aus ihm zu vollendenden Heilsweg der Geschichte allein dient der Sturm der prophetischen Wahrheit, der großen Züchtigung und Verheißung: dieser Sturm des Überzeitlichen durch die Zeiten, der durch Israels Geschichte braust In der heiligen Nüchternheit der Prophetie scheidet sich die ewige Wahrheit als geschichtliche von aller Phantastik, allem Wahn, allem Traum. Nur das Wirkliche wird von ihr angerührt; am Wirklichen allein geschieht sie Aber das Gericht Gottes, das aus dem Munde der Propheten über das Volk ergeht — so streng gebunden an die Wirklichkeit der Weltstunde, so gewaltig auftreffend auf den augenblicklichen Stand des Lebens — ist dennoch das Gericht der ewigen Wahrheit. Es kann selbst nie der Geschichte verfallen, weil es als ihr innerster Sinn sich durch sie hindurch immer wieder offenbart. „Und sollst eine Schmach, Hohn, Exempel und Wunder sein allen Heiden, die um dich her sind, wenn ich über dich das Recht gehen lasse mit Zorn, Grimm und zornigem Schelten" — mit diesem Wort sondert der Prophet Ezechiel die Geschichte Israels von ihrer Bedeutung: Gottes Zorn und Gericht und das aus ihm entspringende große Leiden ist selbst die Krone der Wahrheit, die er seinem Volk, es zum Wunder und Exempel zu weihen, aufs Haupt drückt Denn sich selbst will er 303