Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
302 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896988--01219-2897114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Margarete Susmann So ist der Wahrheit damit, daß sie vom Objekt her, von dem von außen erblickten Geschichtsprozeß her geleugnet und aufgelöst ist, im Grunde gar nichts geschehen. Denn nicht dort: im Ablauf, in den allgemeinen Entwickwicklungen ist ihr Ort, sondern in uns, in unserem Widerstand gegen den Ablauf: in unserer in eine andere Dimension weisenden Entscheidung. Gewiß: nicht geschichtsentrückt ist diese Entscheidung. Auch sie wie alles, was unser ist, spielt sich in der Geschichte und unter ihren Bedingungen ab. Aber in der Geschichte selbst streift das Leben durch die Gewalt, mit der es aus der Richtung des bloßen Vorwärts in die Richtung von unten nach oben gedreht wird, einen Augenblick seinen rein zeitlichen Charakter ab, gewinnt es inmitten des Ablaufs eine der fortlaufenden Richtung fremde Beziehung aus der reinen Tiefe auf die reine Höhe: des nun erst aus der bloßen Vergänglichkeit zu seinem eigenen Tod Erwachten auf die Ewigkeit Und dies allein ist unsere Frage an die Wahrheit der Bibel, ob sie auf diesen Augenblick der Ewigkeitsbeziehung, der inmitten der Geschichte im menschlichen Dasein aufbrennt, heute noch im Wanken aller Erkenntnisse Antwort hat Nicht um eine Wahrheit abgelösten Erkenaens fragen wir sie — eine solche könnte niemals den Anspruch auf Ewigkeit erheben — nicht auf das Bestehen ihrer Erzählungen und Begriffe vor dem Stande späterer Wissenschaft suchen wir sie zu prüfen; nicht um Enthüllung objektiver Zusammenhänge überhaupt — und seien es die größten, allgemeinsten — geht es uns um ihr: sondern uns selbst in unserer eigenen Wahrheit: in unserer Geschichtsbezogenheit und Geschichtsfremdheit, in unserem Todverfallensein und unserer Ewigkeitsbeziehung wollen wir in ihr erkennen. Und eben an diesem Punkte scheidet sich die Wahrheit der Bibel von der aller anderen geschichtlichen Berichte, in denen sie höchstens verhüllt und undeutlich abzulesen ist Denn geschichtlicher Bericht ist ja auch sie; aber aus der objektiven Erzählung, Darstellung noch so großer erschütternder Begebenheiten heraus tritt sie uns entgegen in ihrer unmittelbaren Beziehung auf uns selbst Sie ist weder abstrakte Wahrheit noch bloßer Bericht Sie vermittelt keine allgemeinen Erkenntnisse weder über das Einzelne, noch auch über das Ganze des Lebens. Sie sagt nichts über den Ursprung von Leben und Tod, Schuld und Leid; sie sagt nur, wie das Leben zu leben, der Tod zu sterben, wie das Leid zu tragen und die Schuld zu sühnen sei Und sie sagt es in der Darstellung der Geschichte Israels selbst Sie sagt es als geschichtliche Wahrheit Nirgends ist die rein im Subjekt gegründete Wahrheit der Geschichte klarer 302

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.