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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 301

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
301 (sequence 3)
Language
German
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Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten? senken mit unserem Denken, uns ihm hingeben mit unserem Tun — die Beziehung auf uns selbst vermögen wir in ihm nicht zu erkennen. Die Geschichte redet davon wie der gemeine Pöbel: von außen, subjektlos, allgemein. Wir aber wissen aus dem Abgrund unserer Wirklichkeit, daß es um uns selbst, um die Antwort auf unser eigenes Leben und Sterben geht, daß es um den geht, von dem Hiob ausruft: „Denselben werde ich mir sehen und meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder." Woher kommt uns diese von unserem geschichtlichen Schicksal selbst verworfene, von ihm unabhängige Gewißheit? Woher weiß Hiob, gerade der ihn nicht begreifende, ihn anklagende und an ihm verzweifelnde Hiob, mit so dm-chdringender Gewißheit, daß sein Erlöser lebt? Was bedeutet jenes dunkle Wort aus dem Stern der Erlösung, das die Lage des heutigen Menschen ausspricht: „Nur wer Gott mit dem doppelten Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen anruft, dem wird er sich nicht versagen"? Wir nach der Geschichte Ungläubigen, in denen jede Gewißheit durch alle auf uns eindringenden Lebensmächte zerstört ist, finden in unserer Lebensform selbst ein Dennoch, das keiner Auflösung durch die Geschichte zugänglich ist Wir durch die Zeit unermeßlich weit von der Festigkeit des Ewigen Verschlagenen, finden in uns eine unmittelbare und unzerstörbare Beziehung auf das Ewige, weil der Strom, der uns in rasendem Tempo vorwärts trägt und uns alles und uns selbst entreißt, in uns zugleich stillsteht Denn gewiß wandert die Wahrheit mit dem Leben der Geschichte und wir mit ihr. Aber doch nicht so, daß sie uns einfach als leblose Objekte ergriffe und mitrisse wie der Strom ein Stück Holz, das auf seinen Wellen schwimmt Sondern sie wandert mit uns und durch uns hindurch eben mit dem Gang und Rhythmus der Wahrheit Der Ström des Lebens, der uns trägt und fortträgt und durch uns hindurch rinnt, wird in jedem Augenblick aufgesogen und reißend um sich selbst gedreht von dem alles nach unten und innen ziehenden Wirbel und Trichter unseres Selbstseins, der das Leben aus dem bloßen Vorwärts in eine andere ihm fremde Richtung zwingt Dieser Gang des Lebens durch die Tiefe des Subjekts allein begründet überhaupt geschichtliche Wahrheit Der Widerstand gegen den Ablauf durch die Kraft des Selbst ist in Wahrheit unsere Geschichte. Wie sehr, wie durchdringend das, was vor uns war und was uns umfängt, uns bestimmt: in uns selbst erhellt sich und wir selbst ergreifen diese Bestimmtheit; wir selbst sind in der Finsternis des kollektiven Daseins Lampe und Docht und zugleich der, der sie entzündet 301

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