Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 300

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Was kann uns die Bibel heute noch bedeuten?
Date
1926-08-01
Page
300 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896988--01217-2897112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Margarete Susmann wendet sich der Zeit zu und gibt dem Zeitlichen die Ehre; die Geschichte hat das Ewige aus ihrem Buch gelöscht. Nicht einmal der Schein einer verhüllten Ewigkeit, von der das Vergängliche Gleichnis wäre, ruht mehr über unserer Welt Sie hängt völlig im Leeren. Die Menschheit ist allein mit der Zeit in der Zeit Die Geschichte selbst spricht zu uns: Ihr seid durch eure Zeit vom Ewigen ausgeschlossen. Das bedeutet aber, daß wir nicht nur für unsere Zeit, sondern daß wir für die Ewigkeit von ihm ausgeschlossen sind. Gerade wir sind es: die heute Lebenden. Frühere Geschlechter waren es nicht; spätere werden es nicht sein; wir aber sind es: die Menschen einer von Gottes Angesicht verstoßenen Welt Dürfen wir dies Urteil fraglos hinnehmen? Können wir es überhaupt? Erhebt sich nicht in jedem Augenblick unseres Lebens mit jedem Gedanken, den wir denken, mit jedem Wort, das wir sprechen, mit jedem Atemzug, den wir tun, aus dem Grunde unseres Selbst eine andere Wahrheit, die diesem Urteil widerspricht, sich ihm entgegenstemmt? Wir können unser geschichtliches Schicksal nicht hinnehmen, nicht annehmen. Denn wir können es nicht, jeder Einzelne aus sich selbst, verstehen. Wir kennen unsere geschichtliche, unsere kollektive Schuld: es ist solche Schuld, wie die Propheten an Israel verdammt haben: Anbetung toter, selbstgemachter Götzen, Abfall vom Ewigen und seiner Gerechtigkeit Aber damit drehen wir uns im Kreis: unsere Schuld wird zu unserer Strafe; unsere Strafe zu unserer Schuld. So können wir das Gottesurteil der Geschichte über uns nicht verstehen. Wir sind in unserem Verhältnis zum Ewigen wie Hiob, dem die Reden seiner Freunde über die Beziehung von menschlicher Schuld und göttlicher Strafe keine Wahrheit geben können, weil er weiß, daß die allgemeine Schuld, für die er leiden soll, nicht die seine ist, diese Strafe nicht ihm gebührt, Gott nicht so richten kann. Denn sie reden davon „wie der gemeine Pöbel"; sie reden von außen und nicht aus seinem Leid; ihm aber steigt aus der Tiefe seines Leidens selbst ein Bildnis Gottes auf, das ihn ihre allgemeinen äußeren Rechtfertigungen Gottes als seiner unwürdig von sich weisen läßt Er wendet sich ab von den Freunden; er wird einsam; er hadert mit Gott um seiner Gerechtigkeit willen. Er nimmt sein Schicksal nicht an, weil er Gott in ihm nicht versteht Nicht anders fragen wir heute aus unserer Verwerfung nach der Wahrheit und Notwendigkeit dessen, was der geschichtliche Augenblick über uns verhängt hat Und wenn wir alles an ihm einsehen und hinnehmen, uns in ihn ver- 300

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.