Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Judentum und Volksgemeinschaft
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 297 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum und Volksgemeinschaft eigenen; eine Gesinnung, die gerade unter den Juden — wenn auch mit Unterschieden in der Motivierung — seit den Tagen des Propheten Ezechiel bis heute nicht nur als ein Gebot der Klugheit, sondern als eine fast religiöse Forderung gegolten hat Hier ist — zumal die Interessen auch noch mitsprechen — die Verständigung in dem Gedanken der Arbeitsgemeinschaft nicht schwer. Aber wie steht es mit der Gemeinschaft der Gesinnung? Welcher Art wird sie sein vom Standpunkt der erstrebten „Volksgemeinschaft"? Und da ist denn zu antworten, daß Größe und Reichtum des deutschen geistigen Lebens von jeher in seiner Vielfältigkeit begründet war. Einheit nur in der Gliederung, nicht Einheit um ihrer selbst willen, das war von jeher das Ideal der Deutschen, im Mittelalter — vielleicht — starker verwirklicht, als in den späteren Zeiten, aber in diesen dafür um so inniger ersehnt und gesucht Und wie das Deutschtum der einzelnen Stämme und Schichten des deutschen Volkes, so verschieden untereinander, doch in dem Gemeinsam-Deutschen, das sie alle erfüllt, für das Gesamtbild deutscher Geistigkeit nicht entbehrt werden kann, so auch das Deutschtum der deutschen Juden; man kann die Rahel Varnhagen so wenig aus der Geschichte des deutschen Geistes wegdenken wie die Frau von Stein; Heine so wenig wie Eichendorff; Simmel so wenig wie Rickert; Max Liebermann so wenig wie L. Corinth; sie gehören zu diesem Land, nicht nur kraft des unver-; äußerlichen Rechtes, das jeder Mensch auf seine Heimat hat, deren Landschaft und Menschen, deren ganzes historisches Klima jeden von uns so entscheidend bildet und beeinflußt; sie gehören auch geistig zu ihm, solange seine Sprache ihre Sprache ist Gewiß, sie sind anders deutsch, aber sie sind es darum nicht schlechter; sei es nun, daß sie dem deutschen Wesen den ihm fehlenden „Schuß Champagner", von dem Bismarck gesprochen hat, zuführen könnten, sei es durch ihren sozialen Sinn, und die verstehende Liebe zu allem Leidenden, von der auch Nölting spricht Walther Rathenau, dessen Manen man gerade in diesem Zusammenhang so stark wie nur irgend sonst wird beschwören dürfen, hat sich einmal in einem Gespräch Ernst Troeltsch gegenüber dahin geäußert, der Vorteil des Juden sei, daß er die Dinge zugleich von innen und von außen sehen könne; bei glühendster Liebe zum Deutschtum habe er doch naturgemäß auch etwas mehr Distanz. Diese Doppelheit, die Walther Rathenau seinem ganzen Wesen nach besonders lebhaft zu empfinden fähig war, sie ist für den deutschen Juden „Pflicht und Ruhm zugleich"; für Deutschland aber ist sie ein reines Geschenk, das anzunehmen nicht allein 297