Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Judentum und Volksgemeinschaft
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896987--01212-2897108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Werner Cahnmann Und nun gilt es, die Resultate dieser beiden Erwägungsreihen, der deutschen wie der jüdischen, miteinander in Einklang zu bringen. Wir sind uns darüber klar geworden, daß veränderte Zeiten veränderte Mittel notwendig machen. Lessing ist es gewesen, der uns im Namen des kulturellen Deutschland seiner Zeit die Bruderhand gegeben hat, der uns heute noch die Verkörperung des Geistes ist, in dem das Judenproblem damals „gelöst" werden konnte, indem man nämlich den einzelnen Juden, wenn er nur „guten Wallens" war, mit gütiger Geste aufgenommen hat in die große Gemeinschaft der europäischen Kultur; den einzelnen Juden freilich, und nicht das Judentum, das auch in den Augen der meisten Juden von damals nichts anderes war, als die „unheilbar große Brüderkrankheit" um einen Ausdruck Heines zu gebrauchen, der damit das allgemeine Gefühl in einer besonders klaren und krassen Form zur Ausprägung gebracht hat Heute sind die Voraussetzungen für diese Lösung auf beiden Seiten nicht mehr vorhanden: Der deutsche Geist ist durch die Schule der Romantik gegangen, er kann die Menschheit (wenn er sie überhaupt sieht) nicht mehr anders sehen, als in ihrer Gliederung und das Judentum, so wie es sich als Judentum durch die Welle der Emanzipation hindurchgerettet hat, ist seit Martin Buber und Hermann Cohen wieder im Begriff, zu einem erneuten Selbstbewußtsein seines Sinns vorzustoßen und nicht mehr gewillt, den wieder gefundenen Schatz, der kaum gehoben ist, noch einmal preiszugeben. Heute ist es so, daß nicht nur der einzelne Jude, sondern das ganze Judentum als eigene Gesamt-Individualität aufgenommen werden muß in den großen Körper der deutschen Volksgemeinschaft, soll es nicht, isoliert, als ein Pfahl im Fleische dieses großen Körpers, schmerzhaft für beide Teile, stecken bleiben. Und wir haben gesehen, daß das sehr wohl möglich ist Es ist keineswegs so, daß uns zwischen der Preisgabe unseres Judentums und Nationalismus nur „die bange Wahl" bliebe. Es ist keineswegs so, weil das Judentum, zumal das deutsche, zwar eine soziologische Gruppe von besonderer geistiger Eigenart, nicht aber eine Nation im strengen Sinn ist, weil es sich diesem Begriff überhaupt entzieht, und seinem Wesen nach entziehen muß. Und Deutschland? Wird Deutschland diese Lösung akzeptieren können? Nun, der deutsche Staat wird es sicherlich können. Für den Staat kann es immer nur ein Kriterium geben und das ist das der treuen staatsbürgerlichen Gesinnung, die nach dem Wohl der Stadt und des Staates, in dem man lebt und dessen Schicksal man teilt, trachtet wie nach dem 296