Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Judentum und Volksgemeinschaft
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 295 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum und Volksgemeinschaft darin unterschieden von den „Völkern"; daß sie aber eine Gruppe sind mit besonderem einenden Schicksal in der Vergangenheit und mit besonderer lebendiger Eigentümlichkeit in der Gegenwart und mit dem Willen, diese Eigentümlichkeit als heiligen Beruf zu bewahren- Und man kann wohl — über eine solche soziologische Konstatierung hinausgreifend — sagen, daß diese besondere Stellung des Judentums nicht nur aus seiner gegenwärtigen Situation sich ergibt, die dahin gekennzeichnet ist, daß ein bald stärkerer, bald schwächerer, im Ganzen aber doch latenter Antisemitismus es den Juden einfach unmöglich macht, sich selbst zu entrinnen, sondern daß sie als sein tiefster Sinn bereits in der alten Lehre vorgebildet ist Auch die Diaspora ist kein historischer Zufall, sondern sie ist notwendig zur Erfüllung dessen, was als „Sendung" des Judentums angesehen werden kann trotz allem: das Licht der Erkenntnis des einen sittlichen Gottes zu verbreiten unter den Völkern, als das Volk von Priestern, zu dem wir uns durch den Akt am Horeb feierlich geweiht haben. Auch wenn wir von den biblischen und talmudischen Schriften ganz absehen wollten, so glänzende Namen, wie die von Maimonides und von Cohen könnten für diese Auffassung vom Judentum als Kronzeugen herangezogen werden; und selbst hinter einem so areligiösen Juden der Moderne, wie Karl Marx, steht schließlich doch dasselbe ethische Movens, das schon die Propheten befeuert hat So dürfen wir denn nicht einen Nationalismus für uns akzeptieren, der uns den „Völkern" gleichmachen und unser Judentum alles jüdischen Sinns entkleiden würde, so sollen wir mit und unter den „Völkern" leben, auf das innigste mit ihnen verwachsen und verbunden, das Leidvolle solchen Verbundenseins als Schicksal tragend, ebenso wie die Bereicherung, die mit ihm verknüpft ist; aber doch als Juden sollen wir unter ihnen leben, ohne uns aufzugeben und ohne uns so selbst unserer Wirkung auf sie zu berauben, wenigstens solange nicht, bis nicht die verheißenen Tage des Messias wirklich angebrochen sind; dann freilich wird alle „Geschichte" und ihr ganzer bisheriger Inhalt zu Ende sein; dann freilich werden alle jetzt noch notwendigen Scheidungen, auch die in Völker und die in Klassen und die in Konfessionen fallen und alle Menschen werden Brüder sein in der Erkenntnis Gottes, „an jenem Tage, an welchem der Herr einzig sein wird und sein Name einzig". Aber dieser Tag ist, wahrlich, noch nicht erschienen, wie die Ungeduld so manches unserer Schwärmer seit je und je gewähnt hat, und so haben wir denn bis dahin als getreue Arbeiter weiterhin unsere Pflicht zu tun. 295 19*