Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Judentum und Volksgemeinschaft
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 294 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896987--01210-2897106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Werner Cahnmann Das alles mag vielleicht als eine klare Selbstverständlichkeit erscheinen. Aber unsere Freunde und auch wir selbst wollen doch — zum mindesten für die Behandlung der Judenfrage — immer noch nicht die Konsequenz ziehen aus dieser Selbstverständlichkeit; da wird die Verteidigung immer noch primär geführt mit den in Ehren vergilbten Humanitätsargumenten des 18. Jahrhunderts, weil sie freilich diejenigen sind, denen wir die Emanzipation verdanken; aber es wird dadurch die Gefahr des vollständigen Aneinandervorbeiredens heraufbeschworen, weil die Gegenseite antwortet mit den Fanfarenstößen der politischen und sozialen Romantik. In ihren Gedanken, soweit sie fruchtbar sind und unsere heutige Welt (in der wir doch leben wollen und nicht in einer vergangenen!) konstituieren, müssen auch wir denken und nur auf diesem Boden können wir heute das Problem von Judentum und Volksgemeinschaft erneut und in der Hoffnung auf die Möglichkeit einer Verständigung zur Diskussion stellen. Nun aber wird mir gewiß die Frage entgegengehalten werden, ob denn das Judentum eine solche „Nation" sei, die mit den anderen zum Verein zusammentreten könne und ob — wenn man die Frage bejahe — dies nicht die Hoffnung auf eine „Volksgemeinschaft", in die das Judentum eingeschlossen werden könne, endgültig begrabe? Nun, die Antwort wird verschieden genug ausfallen auf jüdischer, wie auf nichtjüdischer Seite, je nach Weltanschauung, Staatsangehörigkeit und anderen differenzierenden Momenten. Für die Ostjuden mag — so wie dies der Nationalökonom und Soziologe der Münchner Universität, Geh.-Rat v. Zwiedineck-Südenhorst in einem Vortrag jüngst ausgeführt hat — über die Verschiedenheiten von Rasse, Sprache, Staatlichkeit hinweg der entschiedene nationale Gemeinschaftswille eine Nation begründen, für die Westjuden und vor allem auch für die deutschen Juden liegt die Sache doch wesentlich komplizierter: in den Teilen des deutschen Judentums zum mindesten, die sich der Problematik dieser Frage bewußt sind, ist gleich lebendig der Wille zum Deutschtum wie der Wille zum Judentum. Man wird sich scheuen, auf diese, wenn auch bewußt jüdischen, Kreise den eindeutig ohnehin kaum zu definierenden Terminus einer „Nation" anzuwenden. Aber man wird bei gewissenhafter soziologischer Analyse des Tatsächlichen doch zu dem Resultat kommen müssen, daß die Juden jedenfalls eine eigene Gruppe sind, wie man sie auch benennen mag, nicht einzuordnen in die allgemeine Terminologie von „Nation und „Nicht-Nation", als Juden auch 294