Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 288 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob Verzicht eine Verheißung, daß dies Land, so weit sein Auge reicht, einst seinen zahlreichen Nachkommen gehören wird. Diese Erzählung ist nicht ohne politische Absicht Sie soll etwaigen Ansprüchen benachbarter und verwandter Völker auf Kanaan entgegentreten. Dazu gehören Moab und Ammon, mit denen Israel jahrhundertelang in Fehde lag. Aber ihr Stammvater Lot war es gewesen, der das Land verschmäht und sich ein anderes ihm von Abraham großmütig überlassnes Gebiet ausgesucht hat. Auf der anderen Seite sollen etwaige israelitische Ausdehnungsgelüste zurückgewiesen werden. Auch der Besitz der „Söhne Lots" ist von Gott verliehen oder bestätigt, also von Israel zu respektieren. Der Verzicht des Erzvaters ist nicht nur für die Nachkommen bindend, sondern wird einer göttlichen Verleihung gleichgesetzt fu Daß die Habgier, die nur an den augenblicklichen Vorteil denkt, zum eigenen Verderben gewählt hat, soll sich bald zeigen. Bei einem Kriegszug von Königen der Ostländer gegen die Umgebung des Toten Meeres wird Lot gefangen weggeführt Aber Abraham setzt den Abziehenden nach und befreit seinen Brudersohn. Bei der Heimkehr wird er von Malkizedek, dem König und Priester von Salem, gesegnet und verzichtet zugunsten des Königs von Sodom auf jeden Anteil an der Beute. Dieses Kapitel (i4) nun ist seit langem das umstrittenste der Genesis, ja der ganzen BibeL Die extremsten Beurteilungen und Zeitangaben stehen sich gegenüber — ein Beispiel, was von den „gesicherten Ergebnissen der Pentateuchkritik" zu halten ist Auf der einen Seite ist es als das älteste Stück der Genesis und ein authentischer Bericht aus Abrahams Zeit selbst — vielleicht übersetzt aus einem keilschriftlichen Original — angesprochen worden, denn nur so seien die zahlreichen und genauen geschichtlichen Angaben, Personen- und Ortsnamen, die sogar als jetzt verschollert durch moderne erklärt werden, zu begreifen. Auf der anderen Seite wird es als ein völlig ungeschichtliches Machwerk aus allerspätester Zeit, als ein „jüdischer Midrasch" nachexilischer, vielleicht persischer oder sogar makkabäischer Zeit gekennzeichnet Das ist eine Differenz von fast zweitausend Jahren! In keiner anderen Literatur dürfte es so weit auseinandergehende Aussetzungen geben. Die Szenerie mit ihrem weltgeschichtlichen Hintergrund und Kriegslärm sei, so sagt man, gänzlich von der sonstigen der Vätergeschichte verschieden. Abraham, „der Hebräer", erscheine hier von einer ganz neuen und 288