Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896986--01201-2897098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
B. Jacob gesprochenen Grundsatz zu berufen, daß die Erzväter keineswegs als fehlerlose Menschen geschildert werden sollen. „Auch dein erster Vater hat gesündigt" Aber eine gewissenhafte Schrifterklärung verlangt, daß erst einmal geprüft werde, ob denn der Vorwurf überhaupt gerechtfertigt ist Da ist es denn zunächst eine böse Unterstellung, daß Abraham sein Weib an Pharao „verkuppelt" habe. Ohne sein Zutun und ohne daß er es wehren kann, wird sie an den Hof gebracht Die Gunstbezeugung des Königs, für die der wahre Grund sicher nicht angegeben worden sein wird, kann er nicht ablehnen, wenn er sich nicht verraten wilL Auch von einer Notlüge, über deren Zulässigkeit die Morallehrer von jeher entgegengesetzter Meinung waren, kann nicht eigentlich gesprochen werden. Wie Abraham beim zweiten. Male auseinandersetzt, war Sara wirklich seine „Schwester", in dem weiteren Sinne, den das Wort im Hebräischen haben kann, nämlich die Tochter seines Bruders, wie auch Lot, sein Bruderssohn, mehrmals sein „Bruder" heißt Seine Rede ist also doppelsinnig, er sagt die Wahrheit, aber nicht die ganze. Nun wird wohl noch nie ein Mensch, von einem feindlichen Posten ausgefragt, rückhaltlos die ganze Wahrheit ausgesagt haben, wenn er sicher war, daraufhin sofort erschossen zu werden. Aber wir wollen lieber zwei Autoritäten anführen, die sicherlich Gewicht haben. Als Jesus vor dem hohen Rat steht, beschwört ihn der Hohepriester : Bist du der Messias, der Sohn Gottes? und desgleichen fordert ihn der Landpfleger auf, sich zu erklären: „Bist du der König der Juden?" Und in beiden Fällen antwortet er nicht mit einem unumwundenen Ja oder Nein, sondern doppelsinnig: Das sagst du! (oder du sagst es!) — Der andere Zeuge sei Kant Als sich nach dem Tode Friedrichs des Großen unter dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. die kirchliche Reaktion erhob und Kants freisinnige Lehren als religionsgefährlich anklagte, gab Kant in seiner Verantwortung die Erklärung ab, „sich aller öffentlichen Vorträge, die christliche Religion betreffend, in Vorlesungen und Schriften als Sr. Majestät getreuester Untertan zu enthalten". Nach dem Tode dieses Königs aber hielt er sich nicht mehr für gebunden. Denn wie er in dem „Streit der Fakultäten" mit einer Art von Wohlbehagen selbst erzählt, habe er bei dem Hinschreiben jener Worte bei sich gedacht: „Solange ich nämlich Sr. Majestät getreuester Untertan sein kann und muß, das ist solange dieser König lebt" Dabei ist gerade Kant der schroffste Vertreter der Lehre, daß eine Lüge, auch eine Notlüge, unter allen Umständen verboten sei. Nach diesem Grundsatz hat er auch sonst selbst gelebt. Wie er von allen Freunden, so er- 286