Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 283 (sequence 3)
- Language
- German
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Abraham Abraham verläßt also Vaterland und Elternhaus; aber das haben schon viele getan und damit das stärkste naturgegebene Band gelöst. Viele Gründer neuer Religionen und Zivilisationen waren Auswanderer, wie Mohammed und seine Genossen, wie die Puritaner auf der May-flower. Apostel haben ihren Namen vom Wandern. Philosophen wie Sokrates und Kant bleiben zu hause oder reisen nur, um sich zu unterrichten. Wenn ferner Abraham nach Kanaan aufbricht, so darf man nicht vergessen, daß ihm hierin bereits sein Vater Terach vorangegangen war. Aber Terach kam nur bis Haran und blieb bis an sein Lebensende dort wohnen, wechselte also nur die Stadt, nicht das Land und seine geistige Athmosphäre. Es war kein Gottesruf, der ihn forttrieb. Wer das Alte nur aus irdischen Beweggründen aufgibt, wird nur eben gerade soweit gehen, wie diese führen. Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen, dann heißt das Bessere Trug und Wahn. Selbst die Begeisterung führt nicht über ein Haran hinaus, wenn sie nicht mit der Ausdauer für ein ganzes Leben, die nur ein Gottesruf gibt, gepaart ist Terach ist das Beispiel des Halben, der auf halbem Wege bleibt, Abraham, der bis ans Ende geht, um sich und bis in die fernsten Zeiten seine Nachkommen dem Dienste Gottes zu weihen, das Beispiel des Ganzen, des Gottgerufenen. Ja fürwahr, er ist der erste Muslim, wie ihn Mohammed nennt, der Gott völlig Ergebene, El-Chalil, d. h. der Freund Gottes, wie ihn noch heute die Araber nennen. In der Tat ist nie das Leben eines Menschen so vollkommen von einer Gottesliebe beherrscht gewesen, die ebenso unbedingt wie auf das umfassendste soziale Ziel gerichtet war. Er verläßt alles, worin der Mensch von Jugend auf wurzelt, um zweier Aufgaben willen. Erstens um der Stammvater eines Gottesvolkes zu werden. Er selbst wird es nicht sehen, er ist noch kinderlos, er wird höchstens den Enkel erleben und sein eigenes Dasein wird noch im Dunklen hingehen. So weiht er sich also für ferne ungeborene Geschlechter, ohne sich einen Himmel zu malen, aus dem er einst auf sie herabschauen wird. Nur grenzenlose Liebe zum eigenen Volke konnte sich einen solchen Stammvater vorstellen. Daraus erklärt sich auch erst die Gewißheit Israels, daß Gott es nie verlassen kann: weil sein Stammvater schon für die späten Nachkommen gelebt hat und Gott in ihnen seinem Freunde vergilt Wenn die größten Männer Israels, wie Mose, für ihr Volk das eigene Leben hingeben wollen, obgleich niemand besser seine Schwächen kannte und zürnender beklagte, so war dies nicht eine triebhafte Gebundenheit an das gleiche Blut, sondern" die Gewißheit, daß es trotz alledem eine Mission habe. Diese war 283