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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 278

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Die Qabbala als rationales System
Date
1926-08-01
Page
278 (sequence 7)
Language
German
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Lazar Gulkowitsch das Mittel der praktischen Qabbala, die geheimnisvolle Kräfte zu schaffen glaubte, um Böses abzuwenden und Erwünschtes hervorzubringen. Nach der Qabbala ist der Wille des Menschen frei, obwohl er von der Welt und von Gott abhängt Dieser Begriff der Willensfreiheit ermöglicht erst die ganze qabbalistische Lehre vom Guten und Bösen. Die Sefiroth sind nicht nur kosmologische, sondern auch geistig-sittliche Kräfte: so erklären sich solche Namen wie „Weisheit", „Verstand" usw. Die Ethik der Qabbala geht wie diejenige Philos auf die des Sokrates zurück. Wie diesem ist auch ihnen Tugend gleich Weisheit; sie folgt nicht aus der natürlichen Entwicklung des Geistes, sondern ist dem Menschen von Gott verliehen. Sache des Menschen ist es zwar, sich für das Gute zu entscheiden, doch bedarf er, um es zu erreichen, der Hilfe Gottes, der „Sija'ta disc/iemaja". So ist die Ethik in der Qabbala teils immanent, teils transzendent Eine große "Rolle spielt schon in der ersten qabbalistischen Epoche, der gaonäischen (7. bis 9. Jahrhundert), der Begriff der Wahrheit; im Alphabet des Rabbi 'Akiba ist eine längere Stelle dem Lob der Wahrheit gewidmet Die Religionsphilosophie der Qabbala steht hinter ihrer Ethik nicht zurück. „Liebe zu Gott, nicht Furcht vor ihm", lehrt Schim'on-ben- Johai seine Schüler. „Erkenne deinen Gott", läßt Jehuda Halevi in seinem „Kusari" den Philosophen zum Chazarenkönig sprechen. „Hast du diese Stufe des Erkennens erreicht, so ist es gleichgültig, welcher Glaubenslehre, welcher Religion, welcher Handlungs- und Redeweise, welcher Sprache du angehörst . . . Die Hauptsache ist: strebe nach Reinheit des Herzens, auf welche Weise es dir möglich ist, nachdem du die Resultate des Wissens in ihrer Wahrheit erfaßt hast" Alle diese Gedankengänge der Qabbalisten über Gott, Seele, Willensfreiheit^ Sittlichkeit sind ganz und gar von philosophischem Geiste durchweht Wo diese Lehren in mystischer Form auftreten, bedeutet diese Form nur die Umkleidung der in ihrem Kern rationalistischen Grundgedanken. Die zahllosen Bezeichnungen und Bilder, die der Zohar z. B. für Gott hat, sind nicht verworrene Mystik, sondern eben poetische Vergleiche. Auch der Einheitsbegriff in der Sefirothlehre oder die Dreiteilung der menschlichen Seele sind nicht mystischer Art, sondern den aristotelischen Gedanken ähnlich. Wenn ferner der Zohar (I. 5ia und II. 42b) die Seele ausführlich mit der Flamme vergleicht, so ist auch das nicht Mystik, sondern das Spiel einer künstlerischen Phantasie als Einkleidung rationaler Gedanken. Solcher Einkleidungen aber 278

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