Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Die Qabbala als rationales System
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 279 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Qabbala als rationales System mußten sich die Qabbalisten bedienen, weil nur so ihre Lehre vor den Verfolgungen der offiziellen, herrschenden Religion sicher sein konnte, weil sich hinter diesen Bildern ja neue Gedanken verbargen, die in der nüchternen Klarheit der talmudischen Disputationen sicherlich als Ketzereien gegen die überlieferte Lehre erschienen wären. So entstanden Schilderungen, von denen Frank sagt, daß aus ihnen „eine höchst dichterische Phantasie spricht, die vielleicht das Genie eines Dante nicht verschmäht hätte." Am rationalen Charakter der Qabbala kann auch die uns grotesk anmutende Zahlen- und Buchstabensymbolik nichts ändern, die schon in der älteren Qabbala üblich war, später aber immer stärker in den Vordergrund trat Diese Spielerei, die sich vor allem im praktischen Teil findet, und die darin besteht, die Buchstaben und grammatischen Zeichen zu versetzen, zu vertauschen, zu zählen und auf ihren Zahlenwert hin zu vergleichen, ist dem Qabbalisten ein Mittel, geheimnisvollen Zusammenhängen in der Heiligen Schrift auf die Spur zu kommen und Kombinationen herzustellen, wo solche rein gedanklich fern liegen. Diese spezifisch qabbalistische Form beeinträchtigt jedoch keineswegs den philosophischen Inhalt, die rationalistische Weltanschauung. Die qabbalistische Metaphysik zeigt trotz allen mystischen Beiwerks und aller phantastischen Einkleidungen doch Eigenschaften, die den Anforderungen einer wissenschaftlichen Philosophie durchaus entsprechen. So zwingt die Qabbala — wie nur irgendeine wissenschaftliche Denkweise — dem« Menschen, jede Autorität von vorneherein abzulehnen und nur zu sich und zu seiner eigenen Vernunft Vertrauen zu haben. Betrachtet der Qabbalist doch auch die Erzählungen der Bibel nicht als Tatsachen, sondern als religiöse Symbole! Aus der gleichen kritischen Einstellung heraus verwirft die Qabbala den Begriff eines schöpferischen Gottes, der sich trotz seiner Allmacht eine ganze Ewigkeit untätig verhalten hätte; ihr Gott ist vielmehr stets aktiv denkend, ist immanenter Grund des Weltalls und realiter unendlich. Für sie gibt es zwei Welten, eine intelligible und eine materielle, d. h. bevor sich eine Substanz in einer sinnlichen Gestalt realisiert, muß sie zuvor in der höchsten Intelligenz vorhanden sein; unter unzähligen Gestaltungen entwickelt sich fortwährend die göttliche Substanz nach den unveränderlichen Gesetzen der Idee. Unter all diesen Gestalten, in denen sich die Gottheit verkörpert, ist der Mensch die wichtigste: in der materiellen Welt ist er irdischer Mensch, in der intelligiblen aber ist er himmlischer Mensch. Die Welten sind durch die 279 18*