Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Die Qabbala als rationales System
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 273 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lazar Gulkowitsch: Die Qabbala als rationales System Zwar findet sich in der Qabbala reichlich Mystik und Phantastik vor. Doch erschöpfen ihre rationalistischen Gedankengänge in ihrer Gesamtheit das ganze qabbalistische System. Diese Gedankengänge gehen von der Emanationslehre aus, welche vorwiegend sich mit der Frage nach der Entstehung der Welt befaßt Sie gehen von der logischen Prämisse aus „Aus nichts wird nichts" und führen von dort aus zu einer Vorstellung Gottes, zur Theologie, zur Psychologie und zur Ethik. Li jeder Periode der jüdischen Geschichte finden wir geistige Strömungen, die das Problem der Welterklärung — der Metaphysik ihrer Zeit entsprechend — zu lösen versucht haben. Schon in vorprophetischer Zeit betrachtete man den Geist, „Ruach", später zur Zeit der Propheten die Weisheit, „Hokhma", als Schöpfungsmacht In den Proverbien (8, 22) Heißt es von der Weisheit: „Der Herr besaß mich, ehe er noch sein Werk begonnen hatte ..." In einem Psalm (io4, 7) wird das Wort Gottes als Schöpfungsmacht betrachtet Durch das erste Wort Gottes entstand das Licht, nicht etwa das Sonnenlicht, sondern das von der Gottheit ausstrahlende Licht Diese Ansicht der Bibel erhielt sich bis gegen das neunte Jahrhundert Bis zu dieser Zeit haben wir keine ausführlichere Schöpfungsphilosophie. Mit dem Erscheinen des Sefer Jesira im neunten Jahrhundert finden wir zwar eine eingehendere aber nicht erschöpfende Welterklärung. Hier begegnen wir zum erstenmal den zehn Zahlen, den Sefiroth, die hier aber noch mit den zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets zusammenhängen und die Formen darstellen, durch welche der Stoff gebildet wird. Später haben sich beide voneinander gelöst, und die zehn Zahlen bedeuteten nunmehr die Kategogen des Seins, die zweiundzwanzig Buchstaben hingegen die Grund- Elemente der Worte. Im Sefer Jesira werden die zehn Zahlen noch nicht restlos erklärt, weshalb sie als Urdekade bezeichnet werden, während die Zahlen des Sohar Dekade genannt werden. Im zwölften Jahrhundert verband 'Asriel ben Menahem die qabbalistische Hauptfrage mit einer zweiten, mit der man sich damals besonders beschäftigte. Er wies auf die Unvollkommenheit der Welt hin und stellte nunmehr die Frage: Wie konnte Gott, das höchste und vollkommenste Wesen, eine so unideale Welt schaffen? Er beantwortet sie mit Hilfe der Sefirothlehre (auf •die nachher eingegangen werden soll) dahin, daß das Absolute, Unendliche oder En-Söf zum Endlichen durch die Sphären der Sefiroth gegangen sei. Im 273