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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 272

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Die Qabbala als rationales System
Date
1926-08-01
Page
272 (sequence 1)
Language
German
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Die Qabbala als rationales System Von Lazar Gulkowitsdi Die gegenwärtig herrschende Meinung der Wissenschaft über die Qabbala geht dahin, daß sie im Wesentlichen eine religiöse Mystik sei und auch geistesgeschichtlich als Produkt des dunkelen Mittelalters angesehen werden müsse. Diese Ansicht wird damit begründet, daß die Theorien in der Qabbala sich weit mehr mit Phantasiegebilden als mit Wirklichkeit beschäftigen. Darin liegt zweifellos ein richtiger Gedanke. Man hat sich seit der Renaissance bemüht, die „altjüdischen Geheimlehren nach Angabe der Qabbalisten" nachzuweisen und wenigstens Spuren, die noch den Stempel des Altertums an sich tragen, zu entdecken. Doch vergebens, da die in Betracht gezogenen Stellen und ihr Inhalt auf eine viel jüngere Zeit hinweisen, die bereits sprachwissenschaftliche Erkenntnisse in sich aufgenommen hatte. Die Auffassung der Qabbala als Mystik aber enthält ein übertriebenes und darum schiefes GesamturteiL Denn wie schon Frank in seinem Werk „Die Qabbala oder die Religionsphilosophie der Hebräer" (deutsche Ausgabe i844) und sein Kritiker Joel („Die Religionsphilosophie des Zohars", 1849) nachgewiesen haben, enthält die Qabbala umfangreiche rationalistische Gedankengänge. Zu allen Zeiten haben sich die Qabbalisten mit der Losung metaphysischer Fragen in rationalistischer Weise beschäftigt Bei dieser Auffassung muß allerdings die sogenannte Qabbala impura ganz außer Betracht bleiben, die vollständig zum Bereich mystischer Phantastik gehört und gänzlich auf Irrationales eingestellt ist Der Mystiker ist bestrebt, das Übersinnliche, Göttliche unmittelbar zu erfassen und, unter Aufgabe seiner Individualität, mit ihm eins zu werden. Der Qabbalist aber ist rational gerichtet Er geht fast immer von der sichtbaren Natur aus und baut seine Beweise mit Hilfe der Vernunft auf Induktion und Analogie. 272

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