Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 270 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Löffler des Bundes sprach, als daß die bloße Kunde von dem frühen Wunder heut noch genügte, den Zweifel abzustumpfen. Der oftmals wiederholte Hinweis, daß eines reifen Feldes dichtes Wogen, daß der gesetzlich-strenge Ablauf des Naturgeschehens und unserer Organe wundersames Ineinanderspiel, daß alles dies genug des Wunderbaren sei, — all dieses stammt aus jener rationalen, immanenten Religion, die dem Gefühl der Sehnsucht nach Begegnung mit dem Einzig-Einzigen nicht genügen kann. Gestehen's doch fast alle, in jenen seltenen Stunden, da ihrer Seele Tor sich öffnet, aus Drangsal sich erschließt und gerne Einblick gönnt: das große Staunen ob der Harmonie im großen wie im kleinen Kosmos wird in den Zeiten der Beschaulichkeit, der ernsten Ruhe als religiöse Regung dankbar anerkannt, nur ist man sich hierbei des großen Abs tands zwischen Selbst und Gott doch allzusehr bewußt Die rege, von Unruhe gepeitschte Seele in der Hochgezeit des Lebens, sehnt verzehrend die Nähe Gottes herbei, wünscht nicht Verwundern nur, will Wunder als Kunde von Gottes Hinwenden zur Not des Einzelnen, zugleich als neuen, selbst erlebten Erweis vom Willen Gottes. Da auch in dem von Zweifeln unbeschwerten Frommen Furcht und Überzeugung lebt, daß seiner Einzelbitte Macht nicht hinreicht, am Thron des Höchsten Gunst zu finden, treibt immer wieder Glaube an die geballte Kraft der Gemeinde den Einzelmenschen zu den Brüdern. So ist's lebendig-religiöses Fühlen, das auch im Bann der Mystik die heilige Zehnzahl der im Gebet Vereinten heischt Doch weil lebendig-religiöses Sehnen, dem das Beten unmittelbarstes Formen seiner Zwiesprache mit Gott stets bleibt, Anlehnung im Gebet nur in dem wahren Bruderkreise findet, erklärt es sich leicht, daß viele unsrer Besten am Gottesdienste, wie er längst geworden, nicht mehr Genüge finden. Bei Menschen, die das Alltagsdenken auch an die Statte des Gebets begleitet, bei Menschen, mit denen man im Leben kaum Gemeinsamkeit besitzt, wird man das Beten, als der Seele Strömen, rasch versiegen fühlen. Und darum wird die neue Zehnschaft zum Gebete sich künftighin aus Menschen bilden müssen, die gleichen Lebensrhythmus in sich wissen. Und dieser gleiche Rhythmus wird, des sind wir sicher, die alten Formen neu mit Glut erfüllen und wird zugleich im gleichen Sehnen neuen Ausdruck finden. Ob unsrer Jugend Freude an harmonischer Bewegung dem Worte des Psalmisten vom „Sprechen aller Glieder" beim Hymnus auf den Höchsten früher nicht gekannten Ausdruck leihen wird, ob sie am Sukkoth- Feste mit dem duft- und farbenschönen Festesstrauß sich froh im Reigen 270