Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 271 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöse Not schwingen mag zum Preis des Schöpfers, statt wie bisher in gravitätischkühlem Schreiten, — wer wagt's, unmöglich oder gar unstatthaft es zu nennen! Doch wo die Kunst in unsren Gotteshäusern selbstherrlich oft sich gibt, dort wird vielleicht in Zukunft religiöser Drang der Kunst als Selbstzweck, dem Sang des Chores, hier und dort Beschränkung auferlegen. Es wäre Unverstand, wollte man den Weg zum Chassidismus durch Erwägungen des Verstandes sich versperren. Wir müssen Regungen und Geisteskräfte froh bejahen, die aus den Untergründen des Bewußtseins steigend, unser ganzes Ich durchdringen. Gebet ist Mittel, uns zu entspannen, Hingabe an das Mehr-als-Vernünftige. Aus solchem Beten klingt stets aufs Neue, dem Rufe des Seraphen sich vereinend, jene sehnsuchtsreiche Frage: „Wo ist die Stätte Seiner Herrlichkeit?" Und also rufend, also Zweifels Stimmen bannend, wird der Einzelne die Zone der Gefahr des Rationalen unversehrt durchschreiten. Aktivität auch im Gebet, zuvörderst im Gebet, scheint uns Gesetz lebendig - religiöser Haltung zu bedeuten. Ob dann als Wechsel-Spruch, als Vorspruch, bei dem die Sprecher wechseln, als Spruch im Chor sich dieser Gottesdienst vollzieht, ist weniger belangvoll als die erneut erstandene Einheit vom Gebot der Seele und vom Üben der Gebote, die wir überkamen. Wo solch ein Minjan gleichgestimmter Menschen sich jzusammenfindet, wird man gewiß auch dem Empfinden des Zuviel am Werke des Gebets sich unbedenklich beugen, da auslassen, dort einfügen, zuweilen neu Gebet auch formend, — wie es der Stimmung der Gemeinschaft und der Stunde jeweils angemessen ist Nicht an „Reform" und nicht an Änderung des überlieferten Gebetbuchs ist hierbei gedacht; nur wird die von starker Religiosität getragene Gemeinschaft nach ihrer Seele Ruf die Ordnung des Gebetes jeweils richten — für Keinen Norm und nicht gedacht für Dauer. Auch Furcht vor Sektenbildung scheint unangebracht, da aus der Liebe zu der Betgemeinschaft die Liebe zur umfassenden Gemeinschaft und Kraft, sie neu zu fügen, wachsen wird. Gedanken und Gesichte, Hoffnungen und Sehnsüchte sind dies einstweilen alles nur. Wird die Judenheit in Deutschland, wird das kommende Geschlecht der Juden in Europa aufs Neue im lebendig-religiösen Sein die Kraft wohl finden, Untergang nicht nur zu bannen, auch in den alten Bund von Gott mit Israel entschlossen einzutreten? Wird neuer Jugend es gelingen, die heilige Schechina wieder in den Kreis der Menschen einzuziehen und so uraltem, stets erneutem Notstand steuern? — 211