Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 269 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöse Not Seelen bricht, den besonderen Rhythmus unserer landschaftlichen Gebundenheit atmen. Erschwert wird der Anhub dieses neuartig - religiösen Lebens, weil uns vorerst die haltende und treibende Kraft in gleicher Richtung drängender Brüder, die im Mysterium geeinte Gemeinde, fehlt, weil der neue Bund, aus Liebe und zur Liebe durch das Sichfinden Weniger erst wachsen will. Doch Hemmnis von weit größerem Gewicht ist es, daß wir als Kinder und Enkel der rationalen Weltbetrachtung aufgewachsen sind. Als Hemmnis werden vielen auch die religiösen „Formen" wirken, die Gesetze (Chukim), die das Diesseitsleben im Sinne Gottes regeln wollen und an deren Gott-Gewolltheit heut nicht mehr viele glauben können. Gar viel ward ja von dem Verhältnis des Gefühls zur Form im Reich der Religion gesprochen und geschrieben. Dies aber ist gewiß, daß es dem Fühlen nicht genügt, wenn Formen nur Ersatz für immer rege Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch sein sollen.. Dem regen Fühlen ist die religiöse Form das Unterpfand für allzeit mögliche Begegnung mit dem Ewigen. Doch da sie auch im Ring „Gesetzestreuer" gar manches Mal ward zum „Ersatz" erniedrigt, wird selbst im Menschen jenes Kreises zuweilen Zweifel wach, ob in dem überkommenen Gesetz das hehre Angebinde zu erblicken sei, das einst im Sturm der Elemente der Herr des Himmels und der Erde Seinen Auserkorenen gereicht Was Wunder, daß in Menschen, die für metaphysisches Bedürfnis rechte Form erst suchen, starke Bedenken leben, ob überkommene Formen der Gesetze wohl heiliges Gefäß geheimnistiefer Gnade seien. Und diesem Fragen, Rufen wird Gott sich nicht versagen. Denn „Gott naht denen, die Ihm nahen". Doch unsren Zweifeln an der Offenbarung dieses oder jenes unserer Gesetze kann nur das ungescheute, flehend, wiederholte Bitten um Gottes neuerliches Offenbaren in der irdischen Welt, um das sinnfällige Wunder Abhilfe schaffen. Man .hat dies Flehen um das Wunder, das nichts von dialektischem Ersatz mehr wissen mag, als Dummheit oftmals bezeichnet Nun denn — so sind der „Dummen" Abermillionen, und Gott, der ja die Schwachen und die Armen ganz besonders liebt, wie die Propheten kündeten, wird gern um ihretwillen neu das Wunder diesem Geschlecht erweisen. Das Wunder aber ist immer wieder nicht nur des Glaubens liebstes Kind, nein, auch des Zweifels einzig wirksam Heilkraut Wir aber haben allzuweit von jenen Zeiten uns entfernt, da Gott dereinst in Zeichen und in Wundertaten zu dem Volk 269