Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 268 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Löffler IV. Wie einst im Größten der Propheten, paart immer wieder sich in wahrhaft religiösen Individuen mit größter Kühnheit, die nach Höchstem greifen heißt, Demut und Wissen um die eigne Kleinheit, die sich verkriechen möchte, wo Ruf zur Tat ertönt Und diese Demut treibt den Einzelnen stets wieder zu den Vielen, treibt auch den Wagemutigsten zum Anschluß an die Kette der Gemeinde, sich ihrer Hilfe auf dem Pfad zu Gott zu versichern. Indes — wir wissen aus dem Augenschein des Alltags, wie sehr der religiösen Not der Einzelnen die Drangsal der Gemeinde gleicht Zugleich bezeugt's die dünne, kühle Atmosphäre, die sie umgibt, und die vergeblich uns nach Liebe lechzen läßt, daß die Gemeinde heute nicht mehr und noch nicht wieder Bruderschaft, wahre Gemeinschaft sein kann. So muß das religiöse Individuum zur Brechung eigner Drangsal und um der Gemeinde willen heute zunächst es selber wagen, vor Gott hinzutreten, — doch im Bewußtsein, daß letzte Freiheit von Bedrängnis, höchste Erlösung dem „Wir" der Vielen nur zuteil wird- Klingt's doch nicht nur in den erhabensten Minuten des jüdischen Jahresringes aus unsrer jüdischen Seele : „Wir haben gesündigt... und vergeben wird der ganzen Gemeinde der Söhne Israels und dem Fremdling in ihrer Mitte." In dieser aus tausendfältiger Not des Denkens und Fühlens geborenen Einsicht leuchtet uns ein Weg, der bis in diese Zeit dem Westjuden noch fremd war. Es ist der Weg, den große Gruppen des östlichen Judentums seit Jahrhunderten schon wandeln, — der Weg des Chassidismus. Als Mittler und Deuter der Lehren und des Lebens dieses mystisch-religiösen Menschenkreises hat Martin Buber Anrecht auf Ruhm und Dank der deutschen Judenheit Hier nun, in jener mystisch umglänzten Welt, glauben wir die große, uns westlichen Menschen verlorene Einheit zu spüren, die in der elementaren Gottesminne hingebungsstarker Einzelseelen und der geballten Liebe der Brüderschaft zum ewigen Vater und zu einander sich offenbart Ob wir seelisch Vereinsamten mit einem Male solchen ganz andersartigen Ausdrucks unsrer unmittelbaren Beziehungen zu Gott wohl fähig seien, ob unsre, an ganz andre Erdensphäre gewohnte Seele sich zu dieser mystischchassidischen Sprache wohl bequemen wird, läßt sich nicht sicher sagen, doch erhoffen. Einfache Übernahme des Chassidismus wäre ungereimt, wäre uns Verkleidung unsrer Seele, wäre wiederum Mechanik nur und lächerlicher Abklatsch. Jüdische Mystik des Westjuden müßte, wenn sie aus brennenden 268