Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 267 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöse Not modelnden Wirkung der Umwelt Nun gar auf religiösem Gebiet wird sich Erziehung und bloßes Wissen noch weniger bestimmend in jenem Augenblick erweisen, wo individuelles Leben sich in den großen Prüfungen der Stunde, den großen Fragen nach des Daseins Sinn als religiös zu zeigen hat Ist's möglich, „aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen"? Müssen wir nach all dieser Einsicht nicht verzweifeln ob der Unlösbarkeit der religiösen Not? Und doch — über all dem Fragen und Streiten der großen und kleinen Geister um das Wesen der Religion ist weitesten Kreisen die Klarheit erwachsen, daß das Phänomen des Religiösen, daß unser religiöses Sein sich der nur rationalen Erfassung entzieht Gerade was wir als das lebendig Religiöse in uns verspüren und wissen, jenes mächtige seelische Strömen, jenes Fortgerissensein über uns hinaus ins Schrankenlos-Unfaßbare, jenes Hingerissensein vor Gott, es übersteigt die Kategorien der Vernunft, Psychologie vermag nur seelische Vorgänge aufzudecken, nicht Nöte zu beheben. Dies Eine glauben wir aus all dem Suchen, all dem Fragen klar zu sehen: daß religiöse Not vom Rationalen nur genährt und nicht gemildert wird Im Reich der Religion wird deshalb die „reine Vernunft" uns Wall und Schutzwehr vor Wahn und uferlosem Phantasieren bieten können. Wir empfinden heute auch deutlich: für unserer Seele Bewegtheit, für unsere Unruh' in Gott kann jenes Goethe-Wort „und alles Drängen, alles Ringen ist ewige Ruh in Gott dem Herrn" nicht Geltung haben und nicht Leitstern sein. Das ruhige Harren auf Gnade, das dem religiösen Christenmenschen mit seiner gespannten Erwartung, dem „fleischgewordenen Logos" in jedem Augenblick seines Daseins zu begegnen, auch heute gemäß ist, wird den aufgewühlten Juden dieser Zeit in ihrer Mehrheit nimmer möglich sein, da ihm das Suchen in der Weite und das Sehnen nach dem Fernen, Ruhe des Wartens nicht vergönnt Unserer Ruhelosigkeit und unserer Spannung entspricht weit eher jene stark bewegte Stelle aus dem 18. Psalm: „Mit dem Dich Liebenden ergehst Du Dich in Liebe, mit dem vollkommenen Helden wirkst Du, Vollkommener. Mit dem sich Läuternden bist Du in Lauterkeit, jedoch die Krummen bringst Du zur Krümmung." Hier kommt die individuelle Haltung des religiösen Menschen zum Lenker der Geschicke zu ihrem Rechte, hier die zu tiefst empfundene Korrelation von Gott und Mensch, — durchaus „transzendent" gemeint, nicht im Sinne der das religiöse Fühlen seines Eigenklangs beraubenden Auffassung von der „Immanenz des Religiösen", die man so gern den Worten des Pealmisten unterlegt 267