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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 266

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Religiöse Not
Date
1926-08-01
Page
266 (sequence 8)
Language
German
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Gustav Löffler stunde den Weg zu Gott und das Leben in Seinem Namen neu gefunden zu haben. Nur zu oft wurde ästhetisches Gefühl für religiöses Leben erachtet, und nur zu rasch versagte man darum, wo religiöses Leben zu erweisen war: bei der Formung der Bruderschaft in Religion, bei der Gestaltung von Werken, die den Hauch himmlischer Liebe atmen sollten. In etlichen Zirkeln unsres edleren Nachwuchses hat man nach Einsicht in die Unzulänglichkeit des jugendhaften Fühlens für Neuerschließung einer religiösen Welt, zugleich für die Neuschaffung der religiösen Brüdergemeinschaft,, eine altehrwürdige Formel zum Leitmotiv gewählt, von ihrem Wirken Linderung der eigenen und fremden Not erhoffend. Jenes traute „Ze ulemad" („Geh hinaus und lerne"), das uns im Wandel der Jahre stets wieder aus der Haggada des Passah-Festes ans Ohr klingt, das von unseren Ahnen, bei Anbruch des religiösen Verfalls, den Zweiflern entgegen gerufen ward, — es gilt auch vielen jungen Menschen unsrer Tage als stärkster Rettungsanker. Man erwartet Beschwichtigung der religiösen Problematik, wenn man sich in das jüdische Schrifttum versenkt Doch man sollte sich vor neuem Trugschluß hüten. Gewiß kann und wird das jüdische Lernen ein Wissen um Reichtum jüdischer Geistes- und Seelen- Kultur bereiten, wird vorschnelles Urteil über Begrenztheit jüdischer Geistigkeit vermeiden lehren und wird auch den Geist aufzeigen, in dem die Großen Israels überkommene religiöse Lebensform ausübten. Aber klar sei der Blick und ungeblendet durch wunschhafte Regung: W7issen um dies überkommene Edelgut, um Gebote, ihre Erklärung und Symbolisierung, bedeutet noch lange nicht Willen, dieses Gut auszumünzen, nicht Kraft des Könnens, wo Zweifel im Herzen toben, wo man in der kultisch-religiösen „Form" das Rauschen göttlichen Odems nicht mehr vernimmt, wo Gottes heiligstes Werk fragwürdig ward. Das Verkennen dieses psychologischen Tatbestandes, das Übersehen des weiten Abstands zwischen Wissen um religiöse Lehre und jenem allein entscheidenden Ja-sagen-können zu ihrer Verwirklichung im Leben des Wissenden, wird immer wieder zu jener schmerzlichen Enttäuschung führen, wie sie Tausendc von überlieferungstreuen jüdischen Eltern seit Jahrzehnten erleben, wähnend, die emsige „Erziehung" ihrer Kinder „zur Religion" sei Gewähr, daß diese in Bahnen der Überlieferung auch weiter hinschreiten würden. Das Werk der „Erziehung", soweit sie nicht als Selbsterziehung sich vollzieht, ist schon auf sittlichem Gebiet gering zu werten neben dem bestimmenden Einfluß vererbter, geistig-seelischer Konstitution, dem individuellen Lebensgesetz und der 266

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