Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 263 (sequence 5)
- Language
- German
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Religiöse Not Gesinnung sich entwickelt hat, die für den Andersgläubigen weder Mißachtung noch Feindschaft kennt Doch in der Kette jüdischer Glaubensbrüder versteht man einander längst nicht mehr, und was die einen Religion benennen, dünkt andern Rausch der ichbezogenen Gefühle oder müßiges Geschwätz. Wie weit die Streitenden sich voneinander distanzierten, wird grell aus einem in den letztest Jahren manchesmal gehörten Worte offenbar: dem Judentum sei der Begriff der Religion ganz unbekannt Mit diesem Argument versuchen allzuoft die Träger des Gedankens einer lückenlosen Überlieferung oder eines betonten jüdisch - nationalen Seins den „liberalen" Juden zu begegnen, um ihnen die Schwäche ihrer Bindung an die jüdische Lebenssphäre darzutun. Dies Wort wäre unterblieben, würde Tiefe und Weite des Begriffes Religion nicht arg verkannt Gewiß bedeutet Leben aus Religion für den Juden nicht Erfülltheit, wenn es nur „andächtig Schwärmen" und nicht gleichzeitig frommes Tun, Welt-Gestaltung und so Erfüllung von Gottes heiliger Lehre ist; indes — des Juden Leben ist auch nicht „religiöses" Leben dem Sinn und Sprachgebrauche nach, solange es nur in angstdurchsetztem Üben der Vorschriften des jüdischen Schrifttums sich erschöpft, wenn es nicht zuerst und nicht am Ende „um Gottes Willen" (rschem schomajim) freudenvoll geschieht Der Hinweis auf die Wiederkehr des Worts Emunah im jüdischen Schriftgut genügt nicht zur Widerlegung jener These, dem Judentum sei der Begriff „Religion" fremd. Emunah gleichet seinem Sinngehalte nach dem deutschen Worte „Glaube"; doch der Begriff der Religion umgreifet mehr noch als die bindende Kraft des Glaubens, er meint — dem Sinne des ursprünglichen, lateinischen Wortes nach — Ganzheit der Bindungen des Menschen an Gott oder doch: Verlangen nach Verbundenheit Aber was besagt aller Streit um Wortbedeutungen angesichts jener Szene voll ungeheurer Wucht und Spannung im 2. Buch der Bücher (II, 33, 18—23), wo Israels erster und größter Prophet Einsicht in Gottes Wesenheit erbittet, angesichts der „Psalmen", — angesichts der immer neuen Wiederkehr jener mystischen Gruppen —, bei den Essäern anhebend, über Simon b. Jochai, Isaak Lurja (während der Blütezeit jüdischer Kultur in Spanien) bis zu dem „Baalschem" und seiner Nachfolge bei den Chassidim des Ostens. Der Streit einfacher Menschen um das Wesen des Religiösen, das Sprechen mit den gleichen Worten, doch aus unterschiedenem Sinn, dies alles wird verständlich und verzeihlich, wenn wir erwägen, daß auch große jüdische und 263 17'